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MBIRATIONS
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Fasziniert vom Sound der afrikanischen Mbira, war es Werner Puntigam seit langem ein besonderes Anliegen ein Crossover-Projekt zu iniziieren, welches die Klänge von Mbira und Posaune vereint. Im Januar 2002, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in Zimbabwe, traf er Adam Chisvo, einen exzellenten Mbira-Spieler aus Harare, welcher die richtige Person für eine solche Kooperation sein sollte. Um ein möglichst weites Spektrum an musikalischen Ideen und Ausdrucksformen zwischen afrikanischer und europäischer, traditioneller und zeitgenössischer, komponierter und improvisierter, akustischer und elektronischer Musik zu erzielen, mischt als "dritter Mann" der ebenso afrikaerfahrene elektro-akustische Komponist Klaus Hollinetz mit. Mit ihrer eigenwilligen "rural-urban chamber music" schaffen sie ein unkonventionelles Crossover von traditionellen afrikanischen Melodie-Patterns, jazzig frei improvisiertem Gebläse und abstrakten elektronischen Soundscapes. Ende 2003 wurde der erste Tonträger - "mbirations" (ATS-Records CD-0565) - veröffentlicht. Nach der erfolgreichen Live-Premiere in Zimbabwe beim "Harare International Festival of the Arts" Anfang Mai 2004 folgte im November des selben Jahres eine erste Konzerttournee, die Auftritte in Österreich, Deutschland und Tschechien umfasste. 2008 erschien nun das zweite Album "more of rural-urban chamber music" (ATS-Rec. CD-0638). Neben der Trio-Stammbesetzung wirken bei einzelnen Tracks der 56-minütigen CD auch zusätzliche international renommierte MusikerInnen aus Marokko, Mozambique und Zimbabwe als special guests mit perkussiven (tablas, udus, bass drums, contemporary hand clappings) und vokalistischen Beiträgen (in afrikanischen Dialekten mit sogenannten Schnalzlauten) mit. Im Mittelpunkt dieses Albums stehen zwei jeweils ca. 20-minütige Suiten, betitelt mit "Ubuntu I + II". Das Wort aus der Zulu-Sprache steht für achtsames Miteinander, gegenseitigen Respekt und Menschenwürde - egal welcher Hautfarbe, Ethnie oder Religion jemand angehört ("Ubuntu" steckt quasi hinter dem gesamten Projekt). Dazwischen sind die beiden Stücke "Parallel Worlds" und "Sango" zu hören. Als 5.Track gibt's zum Schluß noch "Lullaby (for Chonyl)", das der 2007 viel zu jung verstorbenen Ex-MABULU-Sängerin aus Mozambique gewidmet ist. Ursprünglich war geplant, auch mit ihr zusätzliche Aufnahmen für diese CD im Studio zu produzieren. Es sollte nach ihrer Gehirntumoroperation und zunächst recht positiv verlaufener Therapie ein Wiedereinstiegsversuch in die für sie so sehr herbeigesehnte Fortsetzung ihrer Gesangskarriere sein. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen. So ist das letzte Stück der CD, das nun Ausschnitte ihres letzten TV-Interviews beinhaltet, ihr gewidmet.
*) Sad news: ADAM CHISVO (1963-2011), our mbira player and great Zimbabwean musician, passed away on July 13, 2011 because of diabetes complications. R.I.P.
Ein Interview, welches Steve Vickers mit Werner Puntigam und Adam Chisvo im Mai 2004 in Harare führte und in der Radiosendung "Artbeat" auf "BBC world" gesendet wurde, steht hier als MP3-file (5,5 MB) zum Download bereit >
interview@BBCworld.MP3
Die Live-Performance des Trios kann auch simultan mit Werner Puntigams Fotoserien aus Zimbabwe visuell ergänzt werden. Optimal verbinden lässt sich ein MBIRATIONS-Konzert aber auch mit der Präsentation der multimedialen Installation GWENYAMBIRA - A TRIBUTE TO SIMON MASHOKO, welches die Begegnungen der österreichischen Künstler Klaus Hollinetz (Klang-Installation), Michael Pilz (Video-Installation) und Werner Puntigam (Foto-Installation) in den Jahren 1997 und 2002 mit einer Legende der Mbira-Musik in Zimbabwe reflektiert.
Biographien:
WERNER PUNTIGAM . Geboren 1964 in Bad Radkersburg, lebt international und interkulturell freischaffend in Linz und Maputo/Mozambique. WP, der improvisierende und komponierende Musiker, gründete und betreibt verschiedenste unkonventionell besetzte Ensembles unterschiedlicher Musikrichtungen (u.a. "Mbirations", "Afrodynamix", "FocusPocus", "Blow & Order"). WP, der Fotograf und Designer, erstellt vielfältige Momentaufnahmen (z.B. "inter.views © pntgm") und zeichnet - neben zahlreichen Auftragsarbeiten - meist auch für das Artwork seiner CD-Produktionen verantwortlich. WP, der interdisziplinäre Performer und Künstler, konzipiert und realisiert multimediale Projekte und spartenübergreifende Performances (z.B. "Triptychon", mit Gastakteuren wie Tom Cora, Han Bennink, Sainkho Namtchylak, Jon Rose u.a.) sowie Klang- und Rauminstallationen wie "Mo(ve)ments". Maßgeblich beteiligt auch an Schauspiel- und Tanztheater-Produktionen (Bühnenmusik & Fotografie), sowie Kooperationen mit LiteratInnen, FilmemacherInnen, Bildenden und VideokünstlerInnen etc. Ebenso Kinder- und Workshop-Projekte. Preise und Auszeichnungen sowohl für Akustisches als auch für Visuelles. Gastspiele in halb Europa, in den USA, Mozambique, Südafrika, Tanzania, Zimbabwe und Japan.
ADAM CHISVO
KLAUS HOLLINETZ. geb. 1959, lebt und arbeitet in Traun bei Linz (A). 1985-87 Studium der
Elektroakustischen Komposition an der Universität für Musik in Wien bei Dieter Kaufmann. Seit 1986 diverse Elektroakustische Werke, Klanginstallationen und CD-Veröffentlichungen; Aufführungen und Radiosendungen in Europa, Amerika und Afrika, unter anderem bei SYNTHESE/Bourges, FUTURA/Crest, FEM/Bratislava, ARS ELECTRONICA/Linz. 1992/96 Co-Leitung der Festivals ABSOLUTE MUSIK. 1992-94 Leitung des Experimentalmusikstudios im OK Linz, 1993-95 und 1999 Gastkomponist und -Lektor am IEM in Graz, 1996 am SAMT und seit 2000 Lehrauftrag für Elektroakustische Komposition am Institut für Elektronische Musik an der Universität für Musik in Graz. Werkauswahl: MORAVAGINE (1987), PURGATORIUM (1989), DIFFRAKTION (1991), SESKARA (1993), TIDE (1995, für acht Lautsprecher), FLAMMENZUNGEN (1996, für sechzehn Lautsprecher), THE MONOLITH (1997, zusammen mit Keith Goddard), DISTANT HORNS (1997), AREA (1999), NORTHERN / SOUTHERN TERRITORIES (1999, für zwölf Lautsprecher), WALKING MIND (2000, Klanginstallation), CARILLION (2001, für zwölf Lautsprecher), ICONOCLAST (2001, für sechs Lautsprecher), :::VISITORS::: (2001, Klanginstallation), FUNDSTÜCKE (2002, für Flöte und Elektronik), LOWLANDS 1 (2002, für verstärkte Bassflöte und Elektronik), LOWLANDS 2 (2002,
für zwölf Lautsprecher), SECRET GESTURES (2002, Klanginstallation für sechs Lautsprecher), VISSAGE (2003, zusammen mit Cordula Bösze, für Flöte und Elektronik), MBIRATIONS 01-12 (2003, zusammen mit Werner Puntigam und Adam Chisvo). Landeskulturpreisträger Musik des Landes OÖ 2005.
Diskografie:
CD MBIRATIONS "more of rural-urban chamber music" ATS-Records CD-0638, 2008
(gefördert von Land OÖ + Stadt Linz)
Pressestimmen:
"'more of rural-urban chamber music', verspricht der CD-Titel, und es handelt sich nicht zuletzt auch um eine Echo-Kammer, in die uns Werner Puntigam, Adam Chisvo und Klaus Hollinetz hier entführen. Die Herren MBIRATIONS verstehen es, die Weite des afrikanischen Kontinents authentisch einzufangen und in Verbindung mit geschickt verwendeter Sampling-Technik ohne Bedeutungsverlust in unsere klanglichen Breitengrade zu übersetzen. Wunderbar nachzuhören ist dies im Rahmen der zweiteiligen 'Ubuntu Suite', dem Kernstück des Albums, das mit seiner ruhigen Gesamtstimmung dem Platten-Titel zweifellos gerecht wird. Dass den MBIRATIONS auch ohne plakative Anbiederungsversuche eine symphatisch-interessante Umsetzung der traditionellen Themen gelingt, liegt wohl auch daran, dass Werner Puntigam mittlerweile mehrere Monate im Jahr in Mozambique verbringt - Recht hat er. Eines der gelungensten Projekte im Bereich ethnisch inspirierter Musik."
CD 'more of rural-urban chamber music': "Bereits vor fünf Jahren machte der Posaunist Werner Puntigam mit seinem Crossover-Projekt MBIRATIONS auf sich aufmerksam. (...) Unter dem Titel 'more of rural-urban chamber music' ist soeben eine neue CD erschienen. Die kongeniale Triopartnerschaft wird dieses Mal durch einige Gastmusiker ausMarokko, Mozambique und Zimbabwe ergänzt, die (...) das Klangspektrum erweitern. Gleich bei der Einstiegsnummer zieht die Sängerin Sandra Ndebele mit ihrer Vokaleinlage inklusive Schnalzlauten die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich. (...) Das Spannungsfeld zwischen afrikanischer und europäischer, traditioneller und zeitgenössischer, komponierter und improvisierter, akustischer und elektronischer Musik ist das, was die Protagonisten interessiert und aus dem sie kontinuierlich und ganz ohne Eile - die Form der Suite gibt ihnen den nötigen zeitlichen Rahmen - ihre Soundwelten entwickeln. Die Musik wirkt nie überladen oder konstruiert. Klaus Hollinetz bringt behutsam seine Soundkreationen und Samples ein, man spielt mit Lautstärke und Reverb und schafft ein Stück 'Zeitgenössischer Weltmusik' (Werner Puntigam spricht von einem kammermusikalischen Projekt) mit künstlerischem Anspruch. So etwas verlangt dem Hörer naturgemäß etwas mehr Aufmerksamkeit ab."
"Musikalische Globalisierung im MAERZ! Jazz hatte schon immer etwas von einem Bastard. Und das erste Wetterleuchten seiner Globalisierung gab es bereits in den 1960er Jahren. Damals hatte J. E. Berendt mit 'Jazz meets the world' begonnen. Alle frohlockten. Inzwischen grassiert allerdings seit Jahren eine Globalisierungs-Seuche der Musik. Und abgeschmacktes Gepantsche dominiert. Ausnahmen bestätigen die Regel. Solche Ausnahmen waren in die Linzer Galerie des MAERZ eingeladen worden: Das Trio MBIRATIONS und das Duo Luciano Biondini &, Javier Girotto mit ihren weit auseinanderliegenden Musiken. Für beide gilt künstlerische Glaubwürdigkeit und Güte.
"Mitreissend, emotional, humorvoll! (...) Jazz-Ereignis in der Linzer Galerie Maerz: Zwei Leckerbissen unterschiedlichen Geschmacks, aber von erlesener Güte. Zuerst musizierte das Trio MBIRATIONS mit Werner Puntigam an der Posaune, Klaus Hollinetz Elektronik und dem aus Zimbabwe stammenden Adam Chisvo an der namensgebenden Mbira. (...). Chisvo bestimmt den Sound der drei mit langen, meditativen, zur Repetition neigenden rhythmischen Linien. Klaus Hollinetz verstärkt diese Grooves durch sensible Loops und schrullige Samples. Dazu bläst Werner Puntigam einfache Melodien und dunkle, häufig mit Dämpfern verfremdete Improvisationen. (...)"
CD 'Mbirations': "(...) MBIRATIONS hat Werner Puntigam seine Kooperation mit Klaus Hollinetz und dem aus Harare stammenden Mbira-Spieler Adam Chisvo genannt. Im Zentrum stehen dann auch tatsächlich die flirrend bunten Obertonstrukturen des Lamellophons, nicht aber in dokumentarischer Absicht: Vielmehr entspinnen sich hier unpuristische Dialoge zwischen den Kulturen, indem Puntigam den musikalischen Gesprächsfaden auf der Posaune aufnimmt, sich in die Patterns (...) mit kurzen Melodien und Soli einklinkt, und zuweilen auch in kontrapunktischer Heterogenität abstrakte Blasgeräusche und Sprachklänge drüber schichtet. Hollinetz kleidet das Geschehen in schillernde, elektroakustische Sound-Schleier und schafft so abgründige Zwischenebenen, zuweilen greift er auch prozessierend in die Mbira-Posaunen-Gespräche ein. Amüsant ist die mittels Sample-Einlage explizierte Version des 'Hopsdrahdl-Jodlers'. Wie nannte Keith Goddard dieses hochoriginäre Konzept? 'Rural-urban chamber music'. Oder so."
Festival 'Alternativa' Prague (CZ) 2004: "In the spirit!(...) Or if you're more acoustically inclined, try the Austrian/Zimbabwean project MBIRATIONS (...). MBIRATIONS shapes its sound around the mbira, a small hand-held instrument sometimes called a thumb piano. Africa is typically associated with drums and rhythm, but the mbira expresses the African genius for melody as well. MBIRATIONS combines the mbira with sultry horns and atmospheric sounds, creating a fresh alternative to what is now called 'world beat'."
CD 'Mbirations': "If it is faithful representations of Shona mbira music you are looking for, mbirations is not for you: if you are after new and exciting musical crossovers between musicians from different parts of the world, you are definitely in the right place. Mbirations was conceived by the Austrian trombonist/composer/photographer, Werner Puntigam, as part of an ongoing cultural collaboration between Austrian and Zimbabwean artists which began in 1997. Some projects such as the filming and recordings made of Tonga ngoma buntibe ("Simonga" and "Six Reflections on Tonga Music", August 1997) and veteran mbira player, Simon Mashoko Gwenyambira (sound/video/photo installation project Gwenyambira - A Tribute to Simon Mashoko, January 2002), contain elements which may be described as faithful representations of the original but many explore a wide range of musical ideas between African and European, traditional and contemporary and composed and improvised musics, often with a strong electro-acoustic element. mbirations falls into this category. The world of mbira has always fascinated Puntigam and he has dreamed for years of such a collaboration. Early in 2002, he met Zimbabwean mbira dzavadzimu player, Adam Chisvo, and he realised Adam was the right person for the project. To achieve the widest exploration of sound, Puntigam also invited Austrian fellow composer, Klaus Hollinetz, to provide abstract electronic soundscapes. Finally, in the summer of 2003, this unique 'rural-urban chamber music' project was realised with its unconventional line-up of mbira, trombone, shell, voice, electronics and samples as an extended version of Puntigam's series of electro-acoustic duo collaborations called L'OOPS. The twelve compositions on this recording unite the sounds of mbira and the trombone. At times the mbira comes sharply into focus; at other times it disappears into a haze of a swirling electronic landscape."
Interview im Internet-Magazin CHiLLi.cc:
Sound-Kultur-Austausch im Wiener Porgy & Bess / Adam Chisvo und Werner Puntigam in sphärischer Trance / Trio komplett mit "technischem Gebrechen" Klaus Hollinetz
Der gebürtige Steirer Werner Puntigam, eigentlich ein stilles Wasser,
sprudelt nur so vor Ideen: Als studierter Mediengestalter arbeitet er seit
vielen Jahren freischaffend mit Posaune, Stimme und Kamera. Puntigam
komponiert - nicht nur für Film- und Theaterproduktionen - und initiiert
Crossover-Projekte der besonderen Art.
Mit einem davon, MBIRATIONS, hat sich der multimediale Künstler einen lange
gehegten Wunschtraum erfüllt, die Kombination seiner Posaune mit dem
archaischen, afrikanischen Instrument Mbira. Er packte sich gemeinsam mit
dem aus Zimbabwe stammenden Mbira-Spieler Adam Chisvo und dem
Elektronik-Komponisten Klaus Hollinetz in eine Formation und ging auf eine
dreiwöchige Tour durch Mitteleuropa. Am 21. November gastierte das nur
oberflächlich gesehen konträre Klangexperiment-Trio im Wiener Jazz-Club
'Porgy & Bess'.
CHiLLi: "Was ist eine Mbira?"
WERNER PUNTIGAM: "Das Schöne an der Mbira ist: Trotz einfacher Bauweise aus
simplem Material ist der Klang so faszinierend. Auf der Mbira zu spielen,
erfordert einiges an Training, natürlich muss man, wie auf jedem Instrument, üben und die Charakteristiken herausfinden. Adam Chisvo ist einer der besten und
populärsten Mbira-Spieler in ganz Zimbabwe. Adam braucht nur auf der Bühne
zu sitzen, der hat Charisma und Bühnenpräsenz. Ich beschreibe ihn immer als
'Buddha' und bin nicht der einzige damit. Er strahlt es einfach aus, auch
durch Statur und kahl geschorenen Kopf."
CHiLLi: "Wie habt Ihr euch gefunden?"
WERNER PUNTIGAM: "Ich bin an Adam herangetreten, da ich schon lange ein Projekt in Verbindung mit Mbira geplant hatte. Ich wusste aber nicht genau, mit wem und in welcher
Form das realisiert werden könnte. Ich sah Adam im Zuge eines Konzerts und
wusste sofort, das ist er. Anschließend habe ich ihm meine Ideen
beziehungsweise das Konzept präsentiert, gar nicht so einfach, so einen
Musiker zu gewinnen. Einer wie Adam wird oft eingeladen und angesprochen,
doch entweder bleibt es bei der netten Einladung, oder sie werden voll
ausgenutzt. Bei mir hat er schnell gemerkt, welche Ernsthaftigkeit dahinter
steckt."
CHiLLi: "Wie kam der Komponist elektronischer Musik, Klaus Hollinetz zu
MBIRATIONS?"
WERNER PUNTIGAM: "Ich wollte es ursprünglich mit einem weiteren Bläser versuchen, zusätzlich zu Adam. Nach Probe-Aufnahmen mit ihm entwickelte ich im Kopf
weiter, mir wurde immer klarer, dass ich eigentlich etwas anderes brauchte, um das Ganze noch ein bisschen variabler zu gestalten, es vielfältiger und den Sound breiter
zu machen. So habe ich Klaus Hollinetz eingeladen, der auch schon oft mit
mir in Zimbabwe war, wir arbeiten irrsinnig gut zusammen. Er macht
interessante Kompositionen am Computer, hat sich jetzt total bewährt. Wir sehen das
Ganze überhaupt mehr als künstlerisches Projekt dreier Individualisten und nicht als Weltmusik ..."
CHiLLi: "Kein Ethnosound?"
WERNER PUNTIGAM: "Es spielt zwar mit eine Rolle, wir würden es jedoch nie so
bezeichnen. MBIRATIONS ist ein kammermusikalisches Projekt, ich nenne es
'rural urban chamber music'. Ein Projekt, das in verschiedene Richtungen
ausstrahlt, zeitgenössische E-Musik, Jazz, zum Teil geht es auch in tanzbare
Sachen über. Das ist das Spannende daran, dass man in dieser
Dreier-Besetzung sehr unterschiedliche Stimmungen erzeugen kann."
CHiLLi: "Welchen Stellenwert geben Sie Klangvielfalt und Improvisation in
Ihren musikalischen Werken?"
WERNER PUNTIGAM: "Ich möchte dem Publikum demonstrieren, wie verschiedenartig
Instrumente klingen können, dass man das gesamte Klang-Spektrum ausnutzen
kann, und vor allem wie viel mehr an Vielfalt und Variantenreichtum eine solch unkonventionelle Besetzung aufweisen kann. Ein Konzert in nur einer Stimmung zu spielen, das wäre mir auf Dauer
zu langweilig - und dem Publikum möglicherweise auch. Bei MBIRATIONS
lassen wir uns einen extremen Freiraum, es existiert zwar eine gewisse Linie oder
Idee, aber der Ablauf und die Umsetzung sind sehr offen gehalten. Wir
überraschen uns gegenseitig und forcieren dadurch auch die Konzentration. Es
gibt nichts Blöderes, als den Ablauf einer Improvisation nach dem immer gleichen
Schema. Das spielt sich binnen kürzester Zeit ab, wird zur Routine-Sache, Feuer und
Spielwitz gehen verloren, Spontanietät würde nur mehr vorgetäuscht."
CHiLLi: "Sie definieren sich als Experimental-Musiker?"
WERNER PUNTIGAM: "Ja, schon, das ist eine wichtige Facette von mir."
CHiLLi: "Können Sie uns diesen instrumentalen Kultur-Austausch erläutern,
das Konzept dahinter?"
WERNER PUNTIGAM: "Die Grundidee: Seit langem suchte ich nach einer Verbindung von
Mbira und Posaune. Weil die Mbira-Klänge für mich so einen typisch
archaischen, afrikanischen Sound repräsentieren, den ich einmal in anderen
Kombinationen bringen wollte, nicht in diesem abgenützten Weltmusik-Klischee. Mbira als Zentrum, ergänzt mit Posaune, Muschel und meiner (sehr abstrakt eingesetzten) Stimme plus Elektronik. Von Samples angefangen bis zu breiten technischen Sounds,
oder ganz zerrupften, fragilen, abgehackten Klangwolken. Mit Elektronik
kannst du alles machen. Aber am reizvollsten war für mich einfach der Kontrast zwischen diesen drei Instrumenten. Die Gegenüberstellung von europäischer und afrikanischer, zeitgenössischer und traditioneller, akustischer und elektronischer Musik."
CHiLLi: "Berührungspunkte heraus zu arbeiten, nicht das Trennende?"
WERNER PUNTIGAM: "Genau. Einfach zu zeigen, dass dieses Instrument genauso im
zeitgenössischen Kontext funktioniert und eine Chance hat, da mit zu mischen
beziehungsweise eine irrsinnige Bereicherung ist."
(Inzwischen sind Adam Chisvo und Klaus Hollinetz im Cafe Westend eingetroffen.)
CHiLLi: "Können Sie uns schildern, welche Erfahrungen Sie im Zuge der Tour
durch Mitteleuropa gemacht haben?"
ADAM CHISVO: "Ich mag die Europäer und ihre Haltung gegenüber unserer Musik.
Ich spiele diese Melodien jeden Tag, mit diesem Projekt tun wir aber einen
Schritt in eine ganz andere Richtung. Wir versuchen, durch eine andere Art
der Musik zu kommunizieren, mit der Mbira. Ich fühle mich in allen
Musikrichtungen zuhause und komponiere, von Jazz bis zu Reggae. Für mich
stellt die Mbira ein Instrument dar, das in allen Genres eingesetzt werden
kann. Vor kurzer Zeit noch galt die Mbira sogar in Zimbabwe als 'elitär'
bzw. 'schick', heute nehmen die Menschen wieder Unterrichtsstunden, sie
erkennen, dass die Mbira ein Instrument wie jedes andere ist."
CHiLLi: "Aber die Mbira ist das traditionelle Instrument der Shona, der
Bevölkerungsmehrheit in Zimbabwe ..."
ADAM CHISVO: "Ja, ist es. Aber mit der Zeit entwickelt sich Kultur,
folgedessen auch ihre Musik. Ein junger Mann, der in Zimbabwe aufwächst, hört HipHop
und weiß nicht im Geringsten, was die Mbira ist und wie sie eingesetzt wird.
Die Mbira ist ein traditionelles Instrument, das im Zuge von Zeremonien
aller Art eine zentrale Rolle spielt. Jedenfalls habe ich mit diesem Projekt
absolutes Neuland betreten, ich verbringe eine großartige Zeit mit diesen
Jungs (Puntigam und Hollinetz, Anm. d. Red.). In den ersten Tagen
der Tour war ich noch etwas distanziert und misstrauisch, dann habe ich
gesehen, dass sogar in Europa die Menschen anfangen, das Spiel auf der Mbira
zu lernen, und inspiriert werden, sie mit anderen Instrumenten zu kombinieren, ein positives
Zeichen. Eine entscheidende Entwicklung von einem traditionell afrikanischen
zu einem international gebräuchlichen Instrument."
CHiLLi: "Welche Funktion hat die Mbira beziehungsweise Musik im Allgemeinen
in Zimbabwe? Musik spielt in Industrieländern eine andere Rolle,
zweckentfremdet, für Konsumzwecke instrumentalisiert ..."
ADAM CHISVO: "Ja, aber Musik ist Musik. Musik überbrückt die Gräben, welche
verschiedene Kulturen trennen. Mit Musik kann ich etwas weitergeben, das
ich mit Menschen nicht nicht so ohne weiteres kommunizieren kann, wenn ich sie auf der Straße treffe.
Musik involviert alle Menschen, schafft Verständnis, verbindet. Wir sprechen
heute über das 'global village', sobald die Menschen meine Tradition verstehen,
können wir uns die Hände reichen. Musik macht es möglich."
KLAUS HOLLINETZ: "Es handelt sich bei uns in Sachen Musik nicht nur um
Unterhaltung. In Afrika existiert eine starke Bindung zu Musik, von Mbira-
bis zu zeitgenössischen Sounds, Musik spielt eine spezielle Rolle in der
Gesellschaft. Aber ist das nicht hier genauso?"
CHiLLi: "Sie haben in diesem 'rural urban project' den 'urban part' über.
Wie definieren Sie sich in diesem Trio?"
KLAUS HOLLINETZ: "Für mich ist es auch ein Ausflug in andere musikalische
Tätigkeiten, weil ich normalerweise als Komponist nicht so ein
Bühnen-Musikant bin. Eine richtige Herausforderung, alles miteinander zu
verbinden. Bei den elektronischen Soundscapes komplett kompromisslos
irgendwelchen Visionen zu folgen, die von der Mbira kommen, und dann
trotzdem an diesen Patterns dran zu bleiben. Macht Spaß, die
unterschiedlichsten Soundscapes, Environments und schwebende Flächen zu
kreieren. Diese Klangmuster ergeben immer neue Möglichkeiten. Ich lasse die
Klänge vom Himmel fallen, sie treffen auf und zerfließen in einem fast
meditativen Pattern. Ob das jetzt so 'urban' ist? - Wir haben einen sehr guten
Response, am Anfang dachte ich, in Afrika werden sie uns von der Bühne
pfeifen. Ganz im Gegenteil! Die finden das total cool, weil es nicht diese
gängigen Weltmusik-Klischees bedient, die uns zum Hals raushängen. Diese
Komplexität beim Zusammentreffen der Klänge ergibt einen ganz speziellen
Reiz. Das ist ganz was anderes, wie wenn wir sagen würden, jetzt spielen wir
Afrika. Ich bin kein Afrikaner. Diese Auseinandersetzung ist der Kernpunkt,
dass wir nicht versuchen, 'Afrikaner zu spielen'."
CHiLLi: "Die Authentizität jedes einzelnen Parts bleibt sozusagen erhalten."
KLAUS HOLLINETZ: "Absolut. Respekt vor dem Anderen. Weil meine Klänge pur
sind, selbst wenn sie ganz zerfasert rüberkommen, es steckt immer das
gleiche Bild dahinter, es bewegt sich immer noch im selben Rhythmus. Es
fällt letztlich komplett zusammen und zirkuliert wieder in dieser Welt der
MBIRATIONS. Wie wenn wir einen Punkt umkreisen würden, den man manchmal
fast ein bisschen aus dem Fokus verliert."
CHiLLi: "Herr Hollinetz, der Sound-Seziermeister ..."
KLAUS HOLLINETZ (grinst): "Naja, schon. Ich arbeite sehr viel mit
Naturklängen, d.h. ich nehme mir irgendwelche Klänge zum Vorbild und schau
sie mir elektronisch ziemlich genau an. Da tun sich neue Welten auf, wie
wenn du ein Fenster öffnest. Mich interessiert sehr vieles dieser neuen
elektronischen Musik nicht, weil das meist über den Beat nicht hinausgeht.
Kann bei uns gar nicht passieren: Ich finde, das ist ein lässiges Projekt,
wir entwickeln uns ständig weiter, deswegen ist auch der Adam da. Eine Art
Anfang, wir gehen auch ins Studio und nehmen neue Sachen auf ..."
WERNER PUNTIGAM: "Das Projekt ist bewusst so angelegt. Der erste Schritt war
die CD, der zweite die erstmalige Live-Präsentation beim Festival in Harare,
diese Tour ist der dritte Schritt - Und viele weitere werden hoffentlich noch folgen und das Projekt damit wachsen ..."
CHiLLi: "Aufgrund von Zusammensetzung und Themenwahl bekommt Euer
künstlerisches Wirken eine enorme politische Dimension."
KLAUS HOLLINETZ: "Das Projekt war auf keinen Fall politisch angelegt. Wir
sind uns aber der hochpolitischen Bedeutung durchaus bewusst. Und zwar auch
deswegen, weil es so respektlos mit diesen Bezüglichkeiten umgeht. Weil wir
uns um 'politische Korrektheit' absolut nichts scheißen. Wir kriegen unter
anderem sehr viele negative Kritiken, nicht vom Publikum sondern von Leuten,
die so auf die Tradition besonnen sind: Du darfst das nicht mischen, oder
das passt nicht zu dem. Da gibt es Diskussionen im Hintergrund, im Stil von
'Derfn de des?'. Wir sagen, wir dürfen nicht nur, wir tun und setzen uns
über gängige Klischees hinweg. Wir pressen nicht irgendwas zusammen, damit
es unbedingt zusammen gehört, aus ohnehin ursächlich verbundenen Dingen
entwickelt sich etwas Neues, Eigenständiges, meinetwegen nicht jedermanns
Sache. Die politische Dimension ist: Mach', tu' und denke - du hast die
Freiheit dazu."
WERNER PUNTIGAM: "Uns wird von europäischer Seite oft gesagt, wie wir respektvoll mit dem afrikanischen Element umgehen sollen. Wir meinen, einzig Adam hat darüber zu
entscheiden, wie weit er sich auf diese sich gegenseitig befruchtende Konfrontation einlässt - Zum Glück ist er auch sehr 'open minded' und lässt sich nicht in irgendwelche weltmusikalischen Schablonen zwängen."
KLAUS HOLLINETZ: "Ein Nachsatz, Kolonialismus betreffend: Vieles, was heute
unter Weltmusik firmiert, stellt ja nur eine Form des Neo-Kolonialismus dar.
Man geht in die sogenannte Dritte Welt, findet dort Grooves, die man braucht
und setzt das Ganze in seinen eigenen Kontext. Plötzlich verschwinden
komplexe Beats und Rhythmen, alles schön im Vierviertel-Takt. Das darf bei
uns absolut nicht passieren. Man darf niemanden für blöd verkaufen."
(Das Interview führte MICHAELA FABIAN > ian@CHiLLi.cc)
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Fotos © by Werner Puntigam, Mirirai Moyo
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