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Obamamania in Österreich!
Marie Edwige Hartig über die Bedeutung von Obamas
Sieg für die Black Communities in Österreich.
Die »African
Communities« weltweit hätten nie zu träumen gewagt,
dass dieser Tag so bald eintreffen würde, der Tag, an dem einem
Afroamerikaner das Vertrauen zugesprochen wurde, das höchste
Amt der Vereinigten Staaten zu bekleiden.
Knapp 55 Jahre nach der Verhaftung Rosa Parks wegen der Verweigerung
einem Euroamerikaner den Sitzplatz frei zu machen, entschieden sich
53 % der AmerikanerInnen, Barack Hussein Obama zu ihrem Präsidenten
zu wählen.
Nach vierhundert Jahren der Sklaverei, Unterdrückung, Diskriminierung,
Ethnientrennung, Verschleppung und Ausbeutung hat das amerikanische
Volk durch diese Wahl der afrikanischen Bevölkerung rund um den
Globus Hoffnung auf eine gleichberechtigte Existenz auf dieser Erde
gespendet.
Have we overcome?
Die Wahl Obamas zum neuen US-Präsidenten wird wie ein Sieg über
den jahrelangen unbegründeten Rassismus gegen AfrikanerInnen
angesehen.
Sie erweckt auch hier die Hoffnung, dass in 20 Jahren die Hautfarbe
keine Rolle mehr spielen wird.
Aus einer Umfrage des Human Institute in Klagenfurt geht hervor, dass
nur 28% der Befragten (720 P.) glauben, dass ein »farbiger«
Kandidat eine Chance auf ein hohes Amt in Österreich hätte.
41% hingegen glauben nicht, dass eine Chance für eineN FarbigeN
bestünde. Interessanterweise hätte die überwiegende
Mehrheit (70%) Obama zum Präsidenten gewählt, wenn sie in
den USA stimmberechtigt gewesen wäre.
Mensch bekommt den Eindruck, als hätten die AmerikanerInnen in
den letzen 50 Jahren die Ethnien»Problematik« überwunden.
Wird jedoch ein Blick hinter die Kulissen geworfen, so wird mensch
seit Beginn der Präsidentschaftswahlen verstärkt mit rassistischen
Äußerungen und rassistischem Verhalten gegenüber AfroamerikanerInnen
wie es in den 1960er Jahren üblich war konfrontiert.
Welche Schlüsse ziehen die AfroösterreicherInnen in Bezug
auf den Wandel der gesellschaftlichen Stellung der AfrikanerInnen
in Österreich?
Vertretern diverser Gemeinschaften der BLACK Communities konstatieren
viel Verbesserungsbedarf in fast allen Lebenslagen. Genannt werden
ein wirksames Anti-Diskriminierungsgesetz, Eigendarstellung und Medienpräsenz
von AfrikanerInnen, ein Ende von Rassismen in der Sprache, härtere
Bestrafungen für
rassistische Diskriminierungen, sowie einen geförderten Aufbau
von »autonomen Strukturen« für eine »Vernetzungsarbeit«
und politische Vertretung von AfrikanerInnen in Österreich.
Wie in den USA haben AfrikanerInnen im Durchschnitt ein geringeres
Einkommen, eine kürzere Lebenserwartung, eine schlechte Ausbildung
und in der Kriminalstatistik sind sie überdurchschnittlich
stark repräsentiert. Letzteres ist in Österreich relativ
zu bewerten, denke mensch an »Operation spring« oder einfach
nur an unsere menschenrechtsverachtende, kriminalisierende Asylpolitik.
Zudem sind AfrikanerInnen in den heimischen Statistiken schwer erfassbar,
weil sie nicht einmal 0,5 % der
Bevölkerung ausmachen.
Die Zahl der rassistischen Beschmierungen und Diskriminierungen gegenüber
AfrikanerInnen im
öffentlichen Raum erhöht sich stetig.
Nichtsdestotrotz nehmen einige NGOs der African Communities diesen
historischen Moment zum Anlass, die Notwendigkeit der Partizipation
von ImmigrantInnen in Österreich zu thematisieren.
Obama hat den AfrikanerInnen auch hier die Hoffnung geschenkt, dass
folgende Aussagen über Staatsbedienstete bald der Vergangenheit
angehören:
»Ein Mann stürzte sich auf mich, schlug auf mich ein,
ich bin rückwärts auf den Boden gefallen, der Unbekannte
setzte sich auf mich, hielt mich am Boden fest und schlug mit den
Fäusten auf mich ein«.
Dies ist die Aussage des jüngsten Polizeibrutalitätsopfers
Mike B., ein afroamerikanischer Lehrer der Vienna International School.
Am 11. Februar dieses Jahres wurde er von zwei Zivilpolizisten mit
einem Drogendealer verwechselt. (Hätten die Beamten den »Richtigen«
»erwischt«, so wäre dieser Vorfall höchstwahrscheinlich
nie an die Öffentlichkeit gelangt). Dieser hingenommene Rassismus
durch die Exekutive wird bestärkt durch Erklärungsversuche
wie die des Landespolizeikommandanten, dass Mike B. seiner »Mitwirkungspflicht«
an der Klärung des Sachverhalts nicht nachgekommen wäre.
Mike B. hat das Glück im Unglück, Afroamerikaner zu sein,
die amerikanische Botschaft wird Taten folgen lassen so viel
Glück hatten andere Opfer des
institutionellen Rassismus nicht.
Wir erinnern uns an den ersten medial bekannt gewordenen Vorfall der
»salonfähigen« und üblich
gewordenen Polizeibrutalität gegenüber AfrikanerInnen, an
Marcus Omofuma.
Er starb am 1. Mai 1999 bei der gewaltsamen Abschiebung durch die
Handlung der Sicherheitsbeamten
J. Binger, J. Rosner und A. Kreuzberger. Zu ihrer Verteidigung sagten
sie aus, sein Anblick sei nicht schön gewesen,
Abschiebungen
werde nicht gerne gemacht,
Mundverkleben sei eine übliche
und von allen angewandte Praxis bei Abschiebungen. Nach dem Prozess
offenbarte der Verteidiger der drei Beamten: »Hätte Omofuma
überlebt, wäre er wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt
und Körperverletzung zur Verantwortung zu ziehen gewesen.«
Tausende Menschen verschwinden Jahr für Jahr in der Schubhaft.
Sozialen, rechtlichen sowie karikativen Einrichtungen wird der Zutritt
verwehrt. Einzig und allein die Beamten des Innenministeriums sind
eingeweiht. Das Bundesministerium für Inneres hält auch
die Zahlen der in Schubhaft Verstorbenen zur Verhinderung von
Nachahmungen unter Verschluss.
Einen grausamen Höhepunkt im Umgang mit Afrikanern erreichte
die Ermordung von Seibane Wague
durch StaatsdienerInnen und Sanitäter. Der Vorfall mit dem in
Mauretanien geborenen Physiker wurde am
15. Juli 2003 von einem Zeugen mit der Kamera festgehalten. Darauf
ist zu erkennen, dass S. W. vor dem Eintreffen von Polizei und Rettung
auf dem Boden der Einfahrt zum Stadtpark liegt. Bei der Ankunft der
Exekutive springt er auf und macht einen verwirrten Eindruck. Er wird
von den Beamten gezwungen sich
auf offener Straße auszuziehen, er lässt es friedlich über
sich ergehen und leistet keinen Widerstand als ihm die Beamten Handschellen
anlegen, bevor sie ihn in den Rettungswagen legen. Erst als die Polizisten
S.W.s Beine mit einem Sicherheitsgurt fesseln wollen, springt
Wague aus dem Rettungsauto zuvor hatte er
einen Bekannten gebeten ihn zu begleiten, da er Angst hätte.
Seibane Wague wird von einem Polizisten mindestens zweimal mit geballter
Faust auf den Hinterkopf geschlagen, ein Kollege boxt mindestens
fünfmal auf den oberen Rückenbereich hin, er wird zu Boden
geworfen. Wague erhält vom Notarzt ein Beruhigungsmittel gespritzt.
Auf den Aufnahmen sieht mensch ihn mit Handschellen am Rücken
mit dem Gesicht am Boden von 9 Personen umringt liegen. Ein Sanitäter
steht mit beiden Beinen auf seinem Torso, ein Polizist mit einem Bein,
ein weiterer Sanitäter und eine Polizistin stehen jeweils mit
einem Fuß auf seinen Beinen. Ein Polizist fesselt Wagues Beine
und der Oberarzt hat währenddessen die Hände in der Hosentasche.
Einige Minuten vergehen, die Beteiligten beobachten S. W. am Boden
liegen, schließlich können sie sich doch motivieren, Wague
auf die Tragbahre zu legen. Wie in einem schlechten Film fällt
S.W. von der Bahre. Er wird hoch gehoben, wieder mit dem Gesicht nach
unten hingelegt und nach einer Weile in den Rettungswagen geschoben.
Seibane Wague überlebte diese Prozedur nicht.
Die Liste der in staatlicher Obhut verstorbenen Afrikaner ist ungewiss
lange, mit Gewissheit starben am 22. Februar 2005 der Algerier Ben Habra Saharaoui im PAZ Hernalser
Gürtel und auch am 4. Oktober 2005 der Gambier Yankuba Ceesay
im PAZ Linz. In beiden Fällen gab es keine Konsequenzen für
die Beteiligten dieser strukturelle Rassismus muss ein Ende
nehmen. Auch in den bekannt gewordenen Folter-Fällen wie die Misshandlung des Sudanesischen Diplomaten am 12. März 1996
im Kommissariat des 10. Wiener Bezirks oder die Folterung Bakarys
J. wurden die beteiligten Beamten wenig bis gar nicht für ihre
Handlungen zur Verantwortung gezogen. Es ist nicht nur die Exekutive,
die sich am strukturellen Rassismus beteiligt, auch die Justiz ist
nicht so unvoreingenommen wie sie zu sein scheint bzw. sein sollte.
Am 28. Juni 2006 ereignete sich in Linz ein ganz ähnlicher Verwechslungsfall
wie der in Wien. Trotz der offensichtlichen Verwechslung wurde Anklage
wegen 1. »Verstoß gegen das Suchtmittelgesetz«,
2. »Widerstand gegen die Staatsgewalt« und 3. »Verleumdung«
erhoben. Ersteres wurde fallen gelassen, da es zu offensichtlich war,
dass es sich bei der observierten Person um eine andere handelte als
die Person, die misshandelt und verhaftet wurde. Trotz zwei voneinander
unabhängigen medizinischen Gutachten, die die Misshandlung untermauerten,
wurde den sechs Zeugen, die den Tatvorgang des Opfers bestätigten,
auch der Prozess wegen Verleumdung gemacht. Yusuf K., ein Musterbeispiel
an Korrektheit, wurde in Punkt 2) und 3) für schuldig gesprochen.
Durch die Ernennung Obamas zum Präsidenten ist die Hoffnung gewachsen,
im Land der Berge und Seen als gleichwertigeR MitbürgerIn mit Respekt behandelt zu
werden.
Ein sichtbares Zeichen zu setzen wünschen sich viele Mitglieder
der African Communities von den
Politikern, der Kirche, den Arbeitgebern, den Sozialleistungsträgern
und den öffentlichen Einrichtungen.
Sie brauchen eine Vertrauensbasis, da sonst keine Partizipation seitens
der AfrikanerInnen möglich ist.
Es muss das Bewusstsein geschaffen werden, AfrikanerInnen als weiteren
kulturellen »Input« zu betrachten und nicht als Bedrohung. Vielfalt müsste weiter gefördert
werden und wir sollten uns die Diversität zu Nutze machen. Interkulturelle
Begegnungen sollten ausgebaut und die Kommunikation mit den Urheimischen gefördert werden.
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Marie Edwige Hartig sieht sich als Austro-Bamileke, eine gebürtige
Bafoussam Bamileke mit österreichischer Sozialisierung.
Von 2005 bis 2007 war sie im Vorstand der Black Community Oberösterreich
tätig und arbeitet seither laufend in diversen Arbeitskreisen
im Bereich Integration/Migration mit. Zurzeit befasst sie sich in
ihrer Diplomarbeit (Psychologie) mit den Akkulturationsstrategien
der ImmigrantInnen afrikanischer Herkunft.
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