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Kreativ? Klasse!
2015 will Linz die interessanteste Stadt Österreichs
sein. Im Standortwettbewerb sollen »Creative Industries«
für Attraktivität sorgen. Um diese
anzusiedeln und zu binden, stehen der Stadt aber große Anstrengungen
bevor. Von Andreas Kump.
Monocle, ein englisches Magazin und Guide
für geschmacksichere Lebensführung, widmete jüngst
eine Ausgabe dem »Bauen besserer Städte, Viertel und Wohnorten«.
Die Titelgeschichte: Eine Rangliste der 25 lebenswertesten Städte
der Welt. Am ersten Platz: Kopenhagen, gefolgt von München und
Tokyo. Auf Platz sechs der u.a. mit Sonnenstunden, Mordraten und internationalen
Flugverbindungen zustande gekommen Liste findet sich Wien. Ob es Monocle
und sein Städteranking 2015 noch geben wird ist fraglich, die
oberösterreichische Landeshauptstadt Linz wird hingegen auch
dann noch zwischen der Kulturstadt Wien und der Touristenstadt Salzburg
liegen aber vielleicht nur noch geographisch.
Im Zusammenhang mit dem Kulturhauptstadtjahr 2009 plant Linz nämlich
den Aufstieg. »Sechs Jahre nach dem Kulturhauptstadtjubel soll
Linz einen Gewinn einfahren, der die Nachhaltigkeit erweist. (...)
Linz wird 2015 die interessante Stadt Österreichs sein.«
Das ist zumindest die Vision von Martin Heller, Intendant von Linz09,
geäußert in der Publikation »LINZ TEXAS Eine
Stadt mit Beziehungen«, ein Katalog zur gleichnamigen Ausstellung
im Wiener Architekturforum. »Die interessanteste Stadt Österreich«
das erinnert an das Attribut »steilste Adhäsionsbahn
der Welt« für die Linzer Pöstlingbergbahn, wobei selbst
dieses bei Linz-Touristen oft für Belustigung sorgende Label
noch messbaren Kriterien gehorcht, während sich »interessant«
alle Freiheiten des jeweiligen Betrachters lässt. Ob etwa Linz
2015 für ein Magazin wie Monocle interessant sein könnte,
ist damit nicht gesagt. Die selbst auferlegte Nachhaltigkeit wählt
als Motto die größtmögliche Schwammigkeit. Was angesichts
des Subtexts im schon angesprochenen Katalog verwundert. Dort redet
Martin Heller nämlich Klartext, in dem er vom »unvermeidlichen
Standortwettbewerb« (der Städte) und der »Herausforderung
der Creative Industries« schreibt.
Womit wir uns endgültig auf dem Terrain des amerikanischen Wirtschaftswissenschafters
Richard Florida befinden. Dessen 2002 erschienenes Buch »The
Rise of the Creative Class« erfasste die Umwälzung amerikanischer
Städte, deren Prosperität oder Stagnation Florida von der
Fähigkeit abhängig machte, eine stimulierende, attraktive
Umgebung für die Kräfte einer neuen Arbeiterbewegung zu
schaffen: der »kreativen Klasse«. Unter diesem Begriff
subsumiert Florida professionelle Musiker, Künstler, Designer
ebenso wie Architekten, Forscher, Software-Ingenieure, Entwickler,
Journalisten, Werber und andere wissensbasierte Arbeiter. Laut Florida
gehören in den USA mittlerweile über 30 Prozent der Berufstätigen
zur kreativen Klasse, die rund 50 Prozent des Bruttosozialproduktes
erwirtschaften. Weswegen längst ein globaler Wettbewerb unter
den Städten eingesetzt hat, sich nach den Bedürfnissen der
begehrten Mitbewohner auszurichten. Denn: Nur Städte und Regionen,
die eine große Anzahl von Mitgliedern der kreativen Klasse dauerhaft
halten können, wird Wachstum und Zukunft prophezeit. Technologie,
Talent, Toleranz das sind die Faktoren, die laut Richard Flordia
die Qualität eines Ortes heutzutage ausmachen. Den Beweis eines
toleranten Ortes tritt er dabei u.a. mit einem Gay-Index der Städte
an. Auch einen Bohemian-Index hat er erstellt.
»The Rise of the Creative Class« wurde auch in Wien aufmerksam
gelesen. Dass »die Bedeutung der so genannten kreativen
Klasse ein zentraler Punkt in aktuellen Stadtentwicklungsdiskussionen
ist«, sagt auch Wiens Bürgermeister Michael Häupl
mittlerweile so. Im Vorwort des »Look/Book«, des Leistungskatalog
von depature, einer Tochtergesellschaft des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds.
Über 7,2 Millionen Euro hat depature in drei Jahren an 89 Projekte
vergeben. Zur Etablierung und Stärkung des Wirtschaftsfaktors
»Creative Industries« in Wien. Mode, Multimedia, Design,
Musik mit hohen fünf- und sechsstelligen Beträgen
wird hier jeweils Geld in ein Segment an Leuten investiert, ohne das
die interessante Stadt Österreichs 2015 nicht auskommen wird.
Ein Vergleich mit Linz ist daher angebracht. Immerhin gilt es Leute
zu halten bzw. anzuziehen, die etwa in Wien einen gut aufbereiteten
Boden mit finanziellen Anreizen vorfinden. Wie plant Linz hier Boden
gutzumachen?
Die »Creative Industries« sind auch in Linz längst
Thema und genießen im Rathaus offenbar Priorität. Auf ein
an den Pressedienst gerichtetes E-Mail mit Fragen zum Sektor Kreativwirtschaft
wird prompt prominent reagiert: Susanne Wegscheider, die Linzer Wirtschaftsstadträtin,
gibt persönlich am Telefon Auskunft. Von einer »Aufbruchstimmung«
anlässlich des bevorstehenden Kulturhauptstadtjahres berichtet
sie, und wie dieses dazu beitragen wird »das lokale Selbstbewusstsein
zu stärken«. Mit den Grundsätzen und Mitteln des Wiener
depature-Modells konfrontiert, spricht sie aber von einer »anderen
Dimension«. Die monetäre Förderung der Kreativwirtschaft
passiert in Linz bis dato auf Mietzuschüssen. In drei »Kreativ-GründerInnenzentren«
bekommen Gründer und Jungunternehmer auf befristete Zeit Sonderkonditionen.
Konkret schießt die Stadt Linz bei einer maximalen Bürofläche
von 40 m2 in drei Jahren maximal 3.168 Euro zu. Wobei die Standorte
mit der ehemaligen Lencia Schmuckfabrik im Stadtteil Neue Heimat und
der Lederfabrik im Haselgraben dezentral gelegen sind.
Auf die Thesen Richard Floridas angesprochen, verweist Wegscheider
auf Diskussionsprozesse innerhalb der Steuergruppe der lokalen »Creative
Community«. Diese wird neben Vertretern der Stadt Linz auch
von Wirtschaftskammer, Kunstuniversität, Ars Electronica Center
und der Architektenkammer gebildet. »Linz ist stolz auf seine
kreative Szene, die international bekannt ist«, lautet der offizielle
Grundsatz dieser Community in der offenbar die Werber fehlen. Diese
würden nämlich angesichts des »unvermeidlichen Standortwettbewerbs«
wohl kaum mit einem verwaltenden, sondern mit einem offensiven Positionierungsslogan
aufwarten. Der Linz09-Intendant formuliert in seinem Text für
LINZ TEXAS ja auch selbst, dass es gelingen müsse, die Bereiche
innovativer Wirtschaft so in der Stadt zu verankern, dass sie den
Arbeitsmarkt positiv beeinflussen. »Sie müssen etwa den
Abgängern der Linzer Kunstuniversität die Möglichkeit
bieten, in der Stadt zu bleiben, statt in die Metropolen zu ziehen.«
Müsse. Müssen. Das klingt nicht gerade nach einer bereits
funktionierenden Praxis.
Aufschlussreich wird in dem Zusammenhang sein, wie die Stadt Linz
mit dem Gebäudekomplex der Tabakfabrik umzugehen gedenkt. In
dem architektonisch einmaligen Industriebau wird 2009 der Produktionsbetrieb
eingestellt. Lokale Kultur- und Kreativschaffende sind deshalb mit
einem Nachnutzungskonzept »Kulturquartier Tabakwerke«
an die Öffentlichkeit gegangen. Zu den Plänen der Stadt
Linz mit der Tabakfabrik wollte bzw. konnte Stadträtin Wegscheider
noch nichts sagen. Dass die Kulturquartier-Initiative aber genau von
solchen Akteuren ausgeht, um die die Stadt vorgeblich buhlt, hat das
offizielle Linz hoffentlich schon erkannt.
Womit der Weg zurück zu Richard Florida führt, zu den von
ihm untersuchten weichen Faktoren, die eine Stadt oft anziehender
machen als ein überbordender Karriereteil in der Zeitung (Bestes
Beispiel Berlin). Hier gilt es Florida zugute zu halten, dass er die
»kreative Klasse« nicht als neue, domestizierte, auf Neoliberalismus
getrimmte Bohème begreift. »Die kreative Klasse ist alles
andere als radikal oder nonkonformistisch«, schreibt Florida.
Was diese aber nicht daran hindere, eine künstlerische, ja freigeistige
Sphäre zu schätzen. Weil auch die Special Edition von Monocle
nicht ohne Richard Florida auskommt, durfte er das dort aktuell präzisieren:
»Die Energie einer Stadt kommt von der Eigenschaft außerhalb
von Normen denken und agieren zu können. Um uns selbst zu verwirklichen,
neue Identitäten zu formen, um erfinderisch zu sein. Eine geschlossene
Stadt ist eine tote Stadt.« Anders aber immer noch mit den Worten
Floridas gesagt: Nicht immer ist eine Investition in High-Tech-Business
oder eine neue innerstädtische Einkaufspassage der effektivste
Weg um eine Stadt interessant zu machen manchmal ist es auch
zielführender etwa eine lokale Musikszene zu unterstützen,
um an Profil zu gewinnen.
»Tote Stadt« diese Bezeichnung hat der niederländische
Architekturtheoretiker Roemer van Toorn für Linz gewählt.
»Mehr noch: Linz ist Singapur ohne die Todesstrafe« schrieb
er in seinem Beitrag im LINZ TEXAS-Katalog und verglich den Linzer
Stadtoberen Franz Dobusch ob seiner ideologielosen Wohlfühlpolitik
mit Lee Kuan Yew, den langjährigen Regenten Singapurs. »Die
endlose Suburbanisierung nimmt Überhand«, diagnostiziert
Van Toorn und verweist auf neue Linzer Vorstädte wie die solarCity.
Diese seien »vielleicht als sichere, saubere, effiziente, ordentliche
und grüne Orte gedacht, aber es fehlen ihnen alle möglichen,
einer Stadt zuschreibbaren Qualitäten. (...) Es mangelt diesen
Vorstädten an wirtschaftlicher Attraktivität und stimulierenden
kulturellen Unterfangen, und ihre Stadtgestalt und Architektur kann
Veränderungen nicht bewältigen.«
Wie und ob es Linz gelingen wird seine Vorstädte und eine zuletzt
von Leerstand und »28 Days later«-Stimmung schwer gezeichnete
City bis 2015 in die »interessante Stadt Österreichs«
zu verwandeln bleibt angesichts von Einschätzungen wie jener
Van Toorns und therapeutischen finanziellen Anreizen spannend. Potenzial
ist dieser Stadt weiterhin nicht von der Hand zu weisen. Wohl aber
das Gespür dafür, dieses Potenzial auch zu erkennen und
entsprechend zu fördern bzw. zu (er)halten. Hinzu kommt: Floridas
Empirie hat gezeigt, dass ein Ort dann als »lebendig«
wahr- und angenommen wird, wenn ein vielfältiges, partizipatives
(Kultur)Angebot vorherrscht. Die Linzer Spektakelpraxis von Klangwolke
bis zu Kronefest mag für den Tagestouristen und Speckgürtelpendler
interessant sein, ein Städterbindungsprogramm stellt es nicht
dar. All diesen Irrungen und Problemen noch nicht genug, schwebt über
dem noch die finale Unklarheit, was genau mit »interessant«
gemeint sein könnte.
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