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»Freies Radio, was soll das sein?«
Über das ob, wie und wann: Ingo Leindecker
und Thomas Kreiseder* stellen Fragen zur Neupositionierung
eines bewährten Modells.
»Freies Radio ist: selbst auf Sendung gehen und sagen, was
man sagen will«. So einfach klang das vor zehn Jahren. Heute
locke ich mit dieser Erklärung der neuen Möglichkeiten,
die das Medium damals eröffnete wohl nur mehr die wenigsten hinter
dem Ofen hervor. Und das obwohl seit dem Fall des ORF-Monopols 19931
gerade einmal 15 Jahre vergangen sind. Dazwischen liegt jedoch eine
mit dem Internet einhergehende drastische Entwicklung der Möglichkeiten
der Teilnahme an medialer Produktion und der Rezeption von Inhalten
unterschiedlichster Couleur. Am Puls des Geschehens muss sich das
freie Radio diesen Veränderungen stellen, indem es jetzt die
richtigen Fragen stellt und sich auf die Suche nach den Antworten
begibt. Wir versuchen deshalb ein Bild über jene Aspekte zu zeichnen,
die wir als spannend und wichtig erachten und die zur Frage führen:
»In welcher Form braucht es das freie Radio morgen noch?«
Wichtig, dass es ist ...
Aus dem Vakuum der 1990er Jahre, als es noch keinen Zugang zu den
Radiofrequenzen gab und damit keine Möglichkeit politischer Partizipation
durch dieses Massenmedium, entwickelte sich Freies Radio zu einem
relevanten Medium einer Zivilgesellschaft. Deren ProtagonistInnen
konnten von der neuen Möglichkeit der Teilnahme an öffentlichen
Diskursen und damit an der Konstruktion von alternativen Entwürfen
und Wirklichkeiten zur bestehenden Medienrealität profitieren.
Freies Radio sah sich von Anbeginn als Ergänzung, Gegenentwurf
aber auch als radikale Opposition zu den kommerziellen und öffentlich-rechtlichen
Sendern. Marginalisierten Meinungen, Individuen und Gruppen sollte
Zugang zu den Medien verschafft, Unbekanntes hörbar und die Teilhabe
an Meinungsbildungsprozessen zur Selbstverständlichkeit gemacht
werden.
Heute: wichtig, was es ist
Zehn Jahre später an der Kippe zum digitalen Medienzeitalter
ist freies Radio herausgefordert, die für freie Medien fundamentalen
Begriffe Partizipation, Access und Vielfalt unter veränderten
Voraussetzungen zu reflektieren. Zukunftsszenarien, die einen allgemeinen
und »niederschwelligen« Zugang zu dezentraler Medienproduktion
prophezeien, rütteln am traditionellen Modell des »Offenen
Zugangs« und der Plattformfunktion von freiem Radio. Sowohl
in den Konzepten als auch in den Finanzierungsmodellen kommerzieller
Anbieter halten eine zumindest theoretisch und oberflächlich
betrachtete gleichberechtigte und vereinfachte Nutzung audio-visueller
Medieninhalte sowie die Teilhabe an ihrer Produktion Einzug. Soziale
und mediale Plattformen wie Myspace und Youtube sind dabei nur die
prominentesten von vielen ernstzunehmenden Erscheinungen, die in der
Lage sind, den allgemeinen Umgang mit Medien grundlegend zu verändern.
Daher:
In welcher Form kann Freies Radio den Anspruch eines spannenden,
gesellschaftspolitisch relevanten Kultur- und Medienprojekts bewahren
und weiterhin erfüllen?
Indem also der aktive sowie passive Gebrauch digitaler Medien immer
mehr zur Selbstverständlichkeit werden, erweitern sich die Möglichkeiten
der medialen Organisation, Produktion und Distribution. Dies hat eine
Veränderung der Bedingungen zur Folge, unter denen Medien und
deren Inhalte wahrgenommen werden und bringt ebenso eine Modifikation
der Mechanismen mit sich, wie Medienöffentlichkeiten zu Stande
kommen.
Diesen Umbrüchen muss eine teilweise Übersetzung des Freien
Radios in das digitale Zeitalter entgegen gebracht werden, denn eines
scheint unabwendbar: Wir sind auf dem Weg in eine Medienlandschaft,
in der die technischen Eigenheiten einzelner Medien (wie Telefon wird
zu VoIP, Radio und Fernsehen zu Streaming- und onDemand Angeboten
auf Basis digitaler Codecs, etc.) in den Hintergrund treten, weil
Inhalte zunehmend und ausschließlich über das Sammelmedium
World Wide Web empfangen werden. Eine solche, sich kontinuierlich
vergrößernde Aufmerksamkeit auf das Internet hat eine Veränderung
der Medienrealität und damit einhergehend einen gewissen Autoritätsverlust
der »alten« Medien zur Folge. Soziale Plattformen, zeit-
und ortsunabhängige Medienangebote und deren dezentrale Produktion
werden das starre Spektrum der bisher drei großen Massenmedien
TV, Radio und Print also um ein weiteres mit hohem Grad an Akzeptanz
und Nutzung ausgestattetes erweitern.
Mit dieser veränderten Landschaft vor Augen müssen sich
auch die Strategien verändern, mit denen das freie Radio auf
die Defizite, die einer Demokratisierung entgegenstehen, und die diesem
zukünftigen Umfeld inhärent sind, reagiert. Denn bleibt
Freies Radio bei seinen momentanen Strategien, die zu einem Gutteil
auf Defizite im Zusammenhang mit dem analogen Rundfunkmodell abzielen,
geht es angesichts sich verändernder Bedingungen das Risiko ein,
seinen selbstformulierten Auftrag auf längere Sicht zu verfehlen.
»Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten
größer wird«2
Das bedeutet nicht, den Fokus in Zukunft ausschließlich auf
Blogging, Podcasting oder ähnliches zu verschieben. Aber es wird
notwendig werden, auf die beschriebenen Szenarien mit einer Erweiterung
der Prioritäten zu reagieren, die der Situation von »morgen«
entsprechen: Dabei handelt es sich um den Spagat zwischen zwei »Mediengenerationen«,
der seine Analogie in gesellschaftlicher Ungleichheit bezüglich
Medienproduktion und -nutzung findet und der flexible Instrumente
erfordert, um auf unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse
reagieren und den gegenseitigen Dialog fördern zu können.
Denn der Umgang mit Medien, ihre Wirkung und Rolle in politisch-ökonomischen
und zusehends in sozialen Zusammenhängen stellt sich für
die »Internet- und Handygeneration« in einer völlig
anderen Form dar, als für jene, deren Sozialisation von den »alten«
Medien geprägt war. Der Bedarf nach Artikulation, Teilhabe und
Auseinandersetzung wird deshalb womöglich auch in veränderter
Form zum Ausdruck kommen oder mit anderen Mitteln geweckt werden.
Wir dürfen uns beispielsweise nicht von den vermeintlichen Teilhabemöglichkeiten
sozialer Plattformen täuschen lassen. Die sogenannten »Mitmachmedien«
lassen zwar einen gewissen Grad an Partizipation zu, aber belassen
den User weitestgehend in seiner im Endeffekt unmündigen Rolle,
Instrument kommerzieller Gewinnabsichten zu sein und am Tropf der
Plattformprovider zu hängen. Der vielfach verwendete und höchst
politisch-ideologische Begriff »Partizipation«3
könnte in diesem Zusammenhang deshalb noch stärker einer
der zentralen politischen Begriffe werden. Freies Radio als sehr weitgehende
Interpretation von Partizipation, die eine gleichberechtigte und von
kommerziellen Interessen emanzipierte ProduzentInnenschaft vorsieht
und zu fördern versucht, wird sich in einem solchen Diskurs als
wichtiges Beispiel und Impulsgeber einbringen können. Wie weitgehend
die Definition von Partizipation auf einer Skala zwischen bloßer
Abstimmung (Voting!) auf der einen Seite und weitest gehender politischer
Teilnahme auf der anderen Seite führen wird, wird nicht
zuletzt davon abhängig sein, inwiefern das Modell des freien
Radios den virtuellen Rahmenbedingungen entsprechend weiterentwickelt
wird.
Wer genau hinsieht, kann also kontinuierlich zusätzliche Handlungsspielräume
für freie Radios auf politischer, sozialer, technischer und ästhetischer
Ebene ausmachen. Eine damit einhergehende mögliche Ausweitung
des Verantwortungsbereich jenes Modells, das derzeit noch für
freies Radio steht, sollte als Chance wahrgenommen und den in diesem
Prozess aufkommenden zentralen Fragen mit einem gesunden Selbstbewusstsein
entgegengetreten werden: Wie können schon jetzt Dynamiken
aufgegriffen werden und an einer Weiterentwicklung unter Einbeziehung
der Beteiligten gearbeitet werden? Wo tun sich Defizite auf? Welcher
Verantwortung nimmt sich die Plattform freies Radio an und wie passt
es seine Strategien und Angebote an veränderte Bedürfnisse
an?
Trotz schwieriger Bedingungen haben es die freien Radios immer wieder
geschafft, auf lustvolle und fordernde Weise die Wege, wie sie ihre
Prinzipien und politischen Ziele verfolgen, weiterzuentwickeln, sie
veränderten Gegebenheiten anzupassen und neue Wirkungen zu erzielen.
Erfreulicherweise - nach zehn Jahren - gibt es nun abermals viele
spannende Anlässe freies Radio weiterzudenken. Noch ist es früh
genug, um sich dafür auch die nötige Zeit nehmen zu können.
Ingo Leindecker und Thomas Kreiseder sind Vorstandsmitglieder des
Vereins Radio FRO. Im März und April fand die Veranstaltungsreihe
»Appetite for Transmission Was kann Radio?« zu
den Potenzialen des Mediums statt. Tele-Lectures und eine Dokumentation
der Vorträge sind online verfügbar unter www.fro.at/appetite
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1 Der aufgrund der langen Lizenzvergabezeit durch Revidierungen des Privatradiogesetzes
de facto erst 1998 stattgefunden hat
2 Zitat, Heinz von Foerster
3 Siehe: Participation and media production. Critical reflections
on content creation. Nico Carpentier & Benjamin De Cleen, ICA
2007 Conference Theme Book
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