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Dietmar Brehm - Bluterregungen
"Open Up & Bleed" mit dem Pinsel

Dass der Linzer Maler und Experimentalfilmer Dietmar Brehm mehr als nur ein Faible für Rockmusik der Marke Velvet Underground/Lou Reed, Iggy & The Stooges hat, dürfte sich im Laufe der Jahre schon herumgesprochen haben. Unter dem trefflichen Titel »Bluterreger« gibt es endlich eine zwischen zwei Buchdeckel gepackte Sammlung von annähernd 250 zwischen 1998 und 2003 entstandenen Zeichnungen zu eben diesen (und anderen) musikalischen Vorlieben, die für Brehm auch Arbeitsgrundlagen schaffen: »Durch das exzessive Hören dieser Musik spüre ich bis heute eine Bluterregung, die das Gehirn fast leer macht. Ist das Gehirn fast leer, sehe ich, dass die Pinsel wie von selbst malen.«

Interview: Kurt Holzinger & Didi Neidhart

Versorgerin: Wie ist es eigentlich zum Buch gekommen, wie zur Idee es als Privatedition herauszubringen?

Dietmar Brehm: Das Buch ist aus einem Glücksfall entstanden. Ich hatte 2002/2003 eine große Ausstellung im Wiener Künstlerhaus, die sehr gut gelaufen ist. Da war dann Geld da, das verarbeitet hat werden müssen. Für mich war klar, dass ich ein Buch machen wollte. Zuvor ist ja 2003 das vom Österreichischen Filmmuseum herausgegebene Filmbuch »Party« mit Filmstills entstanden. Da habe ich den Grafiker Karl Ulbl kennen gelernt, der mich von seiner Art zu arbeiten sehr begeistert hat. Wie ich die Idee zu »Bluterreger« hatte, war es für mich klar, mit ihm wieder zusammenzuarbeiten. Ich wollte auch eine relativ kleine Auflage machen. Nur 300 Stück, was für eine Buchproduktion absurd ist, aber für Sammler interessant. »Bluterreger« ist ein Buch gezielt für Leute, die so was gern haben. Wenn es schnell wieder vergriffen ist, wird es umso geheimnisvoller.

Versorgerin: Im Vorwort steht, dass es in den 1980ern schon einmal solche Serien gegeben hat, die dann aber großen Vernichtungsaktionen zum Opfer gefallen sind, denen nur Iggy Pop- und Lou Reed-Bilder entgangen sind.

Dietmar Brehm: Das war die »Sekundenfallen«-Serie. Das viel über Serien abgehandelt wird ist überhaupt ein Faktor meiner Arbeit. Es ist für mich fast unmöglich irgendeine Sache mit nur einer Arbeit zu erledigen. Das wuchert immer wieder und es kommt zu Kettenreaktionen. Oft ist es eine formale Klammer, eine bestimmte Papierwahl, eine bestimmte Blattgröße, eine bestimmte Zeichenart, oder wie bei den »Bluterregern«, die Arbeit mit Filzstiften.

Versorgerin: Das serielle Arbeiten zieht sich ja wie ein roter Faden auch durch deine Film- und Malarbeiten. Wie sehr ist das eigentlich mit einer Musik verknüpft, die nicht immer, aber primär schon sehr auf Wiederholung aufgebaut ist? Lieblingsnummern wie »Sister Ray« von Velvet Underground oder »Dirt« von den Stooges definieren sich ja auch primär durch eine simplizistische, repetitiv-hypnotische Monotonie. Verwendest du diese Ähnlichkeiten als bewusst zusammengehörende Elemente, oder spielen da eher Zufälle eine Rolle?

Dietmar Brehm: Das ist verschieden. Manchmal ist es sehr bewusst gewählt und eine Nummer spielt dann den ganzen Tag bis in die Nacht hinein durch. Das hat mit der Arbeitsproduktion zu tun. Wenn man immer wieder das Gleiche mit einer beträchtlichen Lautstärke hört und der Malvorgang eher ruhig ist, dann hebt das einen sozusagen weg. Man kommt da in einen leicht traumatischen Zustand rein, wo fast eine Transzendierung entsteht. Da hört man dann gleichzeitig die Musik und man hört sie nicht. Aber dann gib es wieder Tage, wo man sich nach Gelüsten Verschiedenstes anhört. Da ist dann plötzlich Roy Orbison sehr gefragt. Also ganz langsame Geschichten. Und dann wieder ganz aggressive Musik. Beides um eine gewisse Motorik zu erzeugen, die bei der Arbeit für mich eine Notwendigkeit ist. Musik hat was Atmosphärisches. Selten, dass ich mir eine falsche Nummer auflege. Und wenn, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht schlecht male. Das kann schon passieren. Aber ich brauche nicht immer Musik. Es kann auch die absolute Stille sehr angenehm sein. Aber eine gewisse Versorgergeschichte für meine Bedürfnisse, die halt auch eine forciertere Angelegenheit darstellten, das sind schon Nummern von den Velvet Underground, von Iggy & The Stooges und von Lou Reed. Die laufen am meisten. Das ist für mich auch ein Phänomen. Da hab ich mich auch noch nie tot gehört. Ich höre diese Musik immer wieder anders. Ich habe vielleicht überhaupt eine Tendenz, Sachen immer wieder anders anzuschauen oder anzuhören. Man hört nie das Gleiche, oder sieht das Gleiche.

Versorgerin: Ist das vergleichbar mit einem Film, den man schon zig Mal gesehen hat und wo einem statt der eh schon bekannten Story plötzlich die Kleider der Protagonisten und das Set-Design zu interessieren beginnt? Da genießt man ja auch die Freiheit, sich einen Film unabhängig von seiner narrativen Struktur, nur wegen seiner Hintergründe, seiner Licht- und Schattensetzungen anzusehen und kann sich so von der Wahrnehmung her auch immer tiefer Schicht für Schicht ins filmische Material rein graben. Ebenso kann man sich um das kümmern, was an den Rändern los ist.

Dietmar Brehm: Ganz richtig. Ich setzte mich auch immer wieder gerne ganz langen, ausgedehnten Beobachtungen aus. Heutzutage ist alles so inflationär. Es stürzt alles bis zum Äußersten aufgeheizt und aufgepusht auf uns ein. Dem entziehe ich mich manchmal ganz bewusst. Da gibt es auch den einzigen Naturpunkt, den ich gerne beobachte - den Schwarzensee-Punkt. Das ist eine reale Situation zwischen St. Wolfgang und Bad Ischl – ein kleiner verborgener See, wo man im Hochsommer völlig alleine sein kann. Da schau ich mir je nach Gelüste manchmal nur die Wasseroberfläche an. Auf einmal sind fünf, sechs Stunden vergangen und es ist plötzlich sehr interessant und aufregend. Überhaupt wenn das Licht bricht und sich alles verändert. Das sind letzten Endes auch meditative Vorgänge. Da arbeitet das Gehirn sehr stark. Mich interessiert die Landschaft nicht von ihrer Topografie her. Es ist eher eine Sache, die ich hernehme und die ich immer mehr, immer genauer kennen lerne. Mein Umgang mit Musik ist nicht anders.

Versorgerin: Die Wiederholung schärft die Beobachtung, die Wahrnehmung, weil man immer andere Perspektiven entdeckt. Andererseits ist das Hören bei dir ja nicht nur auf Musik beschränkt, sondern geht auch in den Geräusch-Bereich - etwa wenn in deinen Filmen Loops von Regengeräuschen durch die Wiederholung gewisse rhythmische Muster entstehen lassen, von denen man aber nie sicher sein kann, ob sie als Art Audiohalluzinationen ausschließlich im eigenen Hirn passieren.

Dietmar Brehm: Das ist eine Arbeitstaktik von mir, die ich auf verschiedenen Ebenen anwende. Damit so was passiert, setzte ich mich bewusst dem Faktor Musik aus. Was für manche Leute, die mich in meinem Atelier besuchen eine Katastrophe ist. Die kommen nichts ahnend her und hören dann immer die gleiche Nummer. Ich höre ja bei den Stooges am liebsten die alten Kracher. Besonders wenn sie auch noch schlecht aufgenommen wurden. Da gibt es jede Menge sagenhafte Proberaummitschnitte und Live-Bootlegs. Die kommen auch sehr avantgardistisch rüber. Das ist Musik, die es direkt zerbröselt. Ich bevorzuge ja eher eine leicht stupide Popmusik. So wie die Stooges halt dröhnen. Zappa findest du zum Beispiel nicht im Buch. Den höre ich mir auch nicht so gerne an. Dieses ganze Orchestrale tötet mir den Pinsel.

Versorgerin: Der Münchner Schriftsteller Andreas Neumeister hat dazu einmal geschrieben »Auch leise Musik kommt laut am besten.« Es hat also schon auch was mit Körperlichkeit zu tun. Man entdeckt etwas, was gar nicht beabsichtigt ist, weil es erst durch eine gewisse Lautstärke hörbar wird. Im Zentrum wie an den Rändern.

Dietmar Brehm: Das ist eine Ästhetik, die ich liebe. Ich sag auch bei den Filmen im Kopierwerk immer, lasst den Dreck drinnen. Ob da Fuzeln oder Schrammen drin sind ist mir wurst. Das zerfällt eh alles. Das gehört irgendwie dazu.

Versorgerin: Das fügt auch Faktoren wie Zeit und Vergänglichkeit hinzu. Andererseits entwickeln die Filme dadurch ein regelrechtes Eigenleben und werden zu eigenen, neuen Lebensformen. Da fällt mal was weg, reißt was, wird das Zelluloid verschmutzt und plötzlich humpelt der Film und dadurch entsteht ein neuer Rhythmus. Das ist wie bei einem Gitarren-Feedback, wo im Prinzip ja auch primär die Gitarre und der Verstärker automon weiterarbeiten.

Dietmar Brehm: Ja. Wie die Langversion des »L.A.-Blues« der Stooges auf Dauerlauf.

Versorgerin: Du schreibst im Vorwort zu »Bluterreger«, dass die Bilder in Malpausen entstanden sind und über das dabei produzierte »übermutig Unvermutete«. Das bringt ein eher ungewohnt spielerisches Element, eine Art Leichtigkeit rein. Gleichzeitig geht es erneut um das dialektische Verhältnis zwischen Rausch und Reflexion.

Dietmar Brehm:
Das hat sich so ergeben. Die erste Zeichnung hieß »Kicks« und es war ein Schuh. Malpausen sind technisch notwendig, weil gewisse Bildpartien zu feucht sind, um drüber zumalen. Ich arbeite eh mit schnell trocknenden Acrylfarben. Das geht alles sehr schnell unprätentiös Ruck-Zuck. Es läuft die Musik, man setzt sich an den Tisch, es liegen Zettel herum und weil man so drinnen ist im Arbeiten hört die Hand einfach nicht auf - die hat sich selbstständig gemacht und zeichnet. So sind immer wieder Sachen entstanden. Bis mir aufgefallen ist, dass da irgendwas dahinter zu sein scheint, warum das immer wieder entsteht. Aber ich habe mich nicht bewusst hingesetzt und gesagt, so jetzt höre ich mir Musik an und mach dazu eine Zeichnung. Das ist einfach in den ganzen Arbeitsprozessen, die ich betreibe, auch beim Filmschneiden, mitgelaufen. Auch weil schlicht der Zeichenblock herumgelegen ist. Man überlegt was, sinniert über was und kritzelt was dazu. Man denkt über einen Film nach und es entsteht eine Zeichnung, weil im Nebenzimmer irgendeine Nummer läuft und sich das dann halt verzahnt und zu einem Wucherungsprozess wird. Leute wollten schon immer Zeichnungen haben, aber ich wollte sie nicht hergeben. Das waren für mich auch sehr persönliche Reflexionen und ich habe auch gewusst, dass der Prozess noch gar nicht aus ist – er hat immerhin von 1998 bis 2003 gedauert. Ich will die Zeichnungen auch jetzt noch nicht unbedingt hergeben. Das ist einer der Gründe, warum das Buch gemacht wurde. Jetzt können die Leute die Zeichnungen halt so sehen.

Versorgerin: Du erwähnst ja auch im Buch, dass die Bluterregung ein Zustand ist, der an die »Hirnräusche« deiner filmischen Arbeiten erinnert.

Dietmar Brehm: Kunstarbeit ist eine Hirnrauscharbeit, das ist sowieso klar. Die Musik ist zwar eine Stimulans, aber das Endprodukt hat oft gar nichts mit der Musik zu tun. Die Bilder entstehen dann eher aus so kleinen, verknüllten Zeichen oder Zeichensystemen. Ich wollte auch nie eine Nummer interpretieren oder Cover nachmalen, sondern eine gewisse visuelle Musikalität hineinbringen, wo es auch um das Schreiben und um Zeichen geht. Letztendlich ist »Bluterreger« ein Schreibzeichen-Buch geworden.

Versorgerin: Die meisten Nummern sind ja alle auch schon zigmal in dir gespeichert. Eine Bluterregung kann also Teile von Nummern aktivieren bzw. abrufen, die sonst immer überhört wurden. Daneben fällt aber auch auf, dass in den Zeichnungen viele Kleinigkeiten drinnen sind, die an so Pop-Art-Ästhetiken erinnern – Titellängen, Vertriebsnummern, etc. Da wird der Warencharakter von Tonträgern schon ganz manifest betont.

Dietmar Brehm: Die Titellängen sind Hinweise auf bestimmte Nummern, damit man sich da auch zurechtfinden kann. Bei den Velvet Underground und den Stooges gibt es oft ein und dieselbe Nummer in unterschiedlichen Versionen.

Versorgerin: Eine Zeichnung bestehend nur aus der sich spiegelnden CD-Hülle. Das geht dann schon über die Reflexion der Musik hinaus und in den Diskurs des massenhaft erzeugt Materiellen rüber.

Dietmar Brehm: Man nimmt auch einfach mal nur eine nackte CD-Hülle oder eine CD her und fährt mit dem Bleistift rundherum. Das ist dann im buchstäblichen Sinne eine Zeichnung.

Versorgerin: Neben der großen Liebe Velvet Underground, Iggy & The Stooges und Lou Reed gibt es dann noch »Die Anderen« wie etwa u.a. Jesus & The Mary Chain, Sonic Youth, Joy Division, Rolling Stones, Suicide, The Cramps, Suede, Elvis, Roxy Music, Hendrix, Blind Lemon Jefferson, Tricky, Lee Hazlewood, DJ Krush, Marylin Manson, Portishead, Johnny Cash, Neil Young, Dick Dale, John Lee Hooker oder auch Madonna, die ebenso ästhetisch etwas anderes, neues reinbringen, sich aber von ihren Intensitätszuständen von den oben genannten nicht wirklich gravierend unterscheiden. Wie sind diese »Anderen« rein gekommen?

Dietmar Brehm: Im Endeffekt natürlich auch durchs Hören. Es wäre mir zu linear immer nur das Gleiche zu hören. Das durchbreche ich immer wieder gerne, indem ich Radio höre und Sender suche. So kam auch die Maria Callas rein. Die war auf einmal da. Das war in dem Augenblick eine Sensation, ein Stimmungspunkt, eine Eruption, die was ausgelöst hat. Man braucht immer einen Auslöserfaktor. Dabei ist im Laufe der Zeit schon eine gewisse Syntax zeichnerischer bzw. schreibzeichnerischer Art entstanden.

Versorgerin: Aber angefangen hat alles mit Elvis?

Dietmar Brehm: Elvis war überhaupt der Auslöser. Elvis ist aufgetaucht und da hat auch in gewissem Sinne das Zeichnen begonnen. Ich habe die ersten Zeichnungen schon im Kinderwagen gemacht, wo ich Innen alles ausgeschmiert habe. Als meine Eltern später eine neue Wohnung bekommen haben, waren dort alle Zimmer neu ausgemalt. Ich habe einen Stift in die Hand genommen und dann gab es sofort lauter Linien auf den Wänden.

Versorgerin:
Da konnte man dann genau sehen, wie du gewachsen bist.

Dietmar Brehm: Genau. Es war mein Naturell alles irgendwie sofort zu bekritzeln. Als dann Elvis aufgetaucht ist habe ich überallhin »Elvis« geschrieben. Alle Schulhefte und die Schultasche waren mit »Elvis« voll. Das ist auch eine Zeichenmotorik gewesen.

Versorgerin: Die »Bluterregungen« erinnern ja durchaus an Zeichnungen, wie sie im Schulunterricht gemacht werden, wenn einem fad ist.

Dietmar Brehm: Ich war immer schon ein starker Zeichner und habe alles voll gekritzelt. Im Zeichenunterricht hab ich dafür immer die schlechtesten Noten bekommen. Da ist es um Sauberkeit gegangen und bei mir war es oft schnell verpatzt. Da war ich viel zu impulsiv um zuerst dünn vorzuzeichnen und dann schön auszumalen. Da hab ich teilweise eher lieber gewütet.

Versorgerin: Aber wie im Schulheft oder im Geographie-Atlas sind die Zeichnungen im Prinzip ja auch neben der eigentlichen Arbeit bzw. in Pausen passiert.

Dietmar Brehm: Das passiert aber auch beim Filmschneiden. Da gibt es gewisse Pausen, wenn man über was sinnieren muss, oder man sich über den Schneidetisch eine Szene immer und immer wieder anschaut, bis sie auf den Punkt gebracht ist. Da muss man dann wieder nachdenken, bevor man weiter schneidet. Da zeichne ich gerne bestimmte Sachen und denke dabei an ganz was Anderes. Und das funktioniert dann irgendwie.

Versorgerin: D.h., diese Sachen sind weniger Nebenprojekte, als in Zwischenräumen passiert. Wie wenn sich zwischen zwei Filmkadern was auftut, wo man reinfallen kann.

Dietmar Brehm:
So kann man es auch assoziieren. Andererseits ist mittlerweile so eine Masse entstanden, dass schon eine Art Hauptarbeit daraus geworden ist. Man muss auch manches wieder wegschmeißen, weil es einfach nicht gelungen ist. Das ist auch klar. Es funktioniert ja auch nicht alles. Das wäre dann Akrobatik, was in der Kunst uninteressant ist. Es geht um suchende Prozesse, nicht so sehr um
ausführende. Da störe ich mich auch immer selber gerne, wenn ich merke, dass ich etwas zu sehr drauf habe.

Versorgerin: D.h., diese Suche erklärt auch, warum gewisse Musiknummern immer wieder angehört werden? Eben weil man dort eigentlich noch nicht angekommen ist und es dort immer noch was zu entdecken gibt. Anders gesagt: Diese Nummern sind nie gemütliche Einfamilienhäuser geworden, sondern immer noch windige Motels, Wohnwägen, Zelte.

Dietmar Brehm: Je nachdem was ich mache, höre ich die Nummern ja auch anders. Die gleiche Nummer hat immer wieder eine andere Stimulans. Das ist eine Merkwürdigkeit, die sich durch die jahrelange Betätigung auch immer mehr verfeinert hat. Es geht um Sinnlichkeiten. Musik ist eine Sinnlichkeitenauslöserin. Aber man kann auch nicht alles verwenden. Mir ist eine Reduktion auf bestimmte Sachen lieber, als mich dauernd durch die pausenlos entstehende Popmusikgeschichte durchzuhören. Das wäre auch zuviel. Man muss eher öfter sagen: »Aus«.

Versorgerin: Und mehr Bücher? Schon »Party« war eine adäquate Möglichkeit für Fans sich zu vertiefen.

Dietmar Brehm: Die Fans sind über »Bluterreger« sehr froh. Die warten eh alle schon auf was Neues. Aber als mittlerweile fast Sechzigjähriger werde ich manchmal auch belächelt, weil ich überhaupt noch so was wie die »Bluterreger«-Serie mache oder Popmusik – noch dazu in dieser Intensität und Lautstärke – höre. Bei Ausstellungspräsentationen werde ich ja eher als schon etwas gesetzterer, älterer Herr beschrieben, der daneben auch noch so was wie ganz laute Rockmusik hört. Mich hält das aber frisch. Mich freut es ungemein, wenn Leute sagen, das ist eine frische Arbeit und keine alte senile Geschichte, die aus einer verstockten Liebhaberei entstanden ist. Man kann sich eh nur durch Arbeitslust wirklich scharf machen. Wenn das gut funktioniert, altert man weniger schnell oder ist nicht nur auf Ersatzgelüste wie Reisen, Sex, Fresslust aus. Das sind die Sachen, die die Leute am massivsten machen, weil die meisten die eigentliche Arbeit, die sie machen müssen nicht mögen. Es gibt nichts besseres als mit seiner Arbeit ident zu sein. Dann brauch ich auch sonst nichts.

Versorgerin: Eben. Danke für das Gespräch.

Dietmar Brehm: »Bluterreger«, Privatedition, Band 1, 2004, 252 Seiten, Farbe, Hardcover
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