send mail to versorger@servus.at

  

Musiktheater im Berg - 133 Jahre Innovation

 

m

u

s

i

k

t

h

e

a

t

e

r

 



Edlich eine Elitäre Institution für Alle!

oder Call 4 aHundredThirtyThree Political Incorrectnesses.

Eine Polemik in ein paar Akten.
Es treten auf: die Hyme, die Zynik, des weiteren ein Bergrücken und einige Milchmädchenrechnungen. Die Szene wird untermalt vom Summen der Besserwisser und getragen vom Schwanengesang ‚Der Ewig Morgigen‘.
Im Epilog endlich, wird die Spannung aufgelöst und alle Konflikte werden bereinigt.
Gearbeitet wird mit der spezifische Konstruktion von Strukturen des Themas 'Musiktheater Linz' und ihre Abbildungen; also dem architektonischen Blick.

Graz : Linz = Politik : Berg | ?


In beiden Städten gibt es Kulturprojekte, die ‚in den Berg‘ wollen. Beiderorts wird und wurden die Vorhaben diskutiert. Beiderorts scheint die ‚Vergartenzwergung der Nation‘ reife Früchte zu tragen. Grinsend, hinter der ernsten Maske der Vernunft, kommt die klare Absicht zum Ausdruck, Kultur erst gar nicht geschehen zu lassen. Doch die Anzahl der wirkenden Kräfte ist groß – deshalb Halt, Vorsicht ‚Verständnisfalle‘: Was ist Kultur? Für Wen ist Kultur? Und damit: Wo ist sie?

Region + Kultur = Kulturegion | ?


Es ist weder die Sprache noch sind es die ökonomischen Grundlagen. Also auch nicht die vorgefundenen oder gestifteten Zusammenhänge von Gruppen der Gesellschaft. Region muss als ambivalenter Begriff verstanden werden. Die Sichtweise: Region = spezifische und native Kultur, als untrennbare einander bedingende Einheiten, ist nicht zu halten. Aber es existiert so etwas wie der Wunsch von Regionen, sich als Träger einer spezifischen Identität zu präsentieren. Eine Möglichkeit der Identifikation ist der Bezug zu einem Ort/Gebäude.
Wie dem auch sei – um Identität zu stiften, für welche Kulturen auch immer, bedarf es Strukturen in räumlicher und/oder zeitlicher Dimension. Das sind dann Träger von Emotionen und damit von Bedeutungen. Unwesentlich, ob es sich um ein Festival auf der Wiese oder ein Gebäude handelt. Denn ‚stell dir vor es ist Kultur und keiner geht hin.‘

HundredThirtyThree


Aber, in dieser Zeit der parallelen Zeiten: streamen wir doch Info aus einem anderen Channel. Deshalb der Griff zum 'Conversations=Lexikon, Zehnter Band der Real – Encyklopädie für die gebildeten Stände, F. Brockhaus, 1867'. Der Begriff Musiktheater war genauso noch nicht gefunden, wie der des Bildungsbürgertums.


Stichwort Musik, Oper : „... Diese Einteilung..., die jedem Zweig der Kunst sein Recht gewährt: Kirchenmusik, Bühnenmusik, Concertmusik. Jeder dieser drei Kunstgattungen haftet an einer bestimmten Oertlichkeit als an ihrer ausschließlichen, allein berechtigten Heimat und hat demnach auch einen besonderen Kunststiel zu vollster Selbständigkeit auszubilden vermocht. ... Bühnen= oder Theathermusik wird gewöhnlich als dramatische M. bezeichnet, weil sie aus dramatischen Vorgängen ihre Anregung empfängt und dieselbe zu heben und zu verstärken bestimmt ist, ein Ausdruck der nicht zu beanstanden, aber nur mit demselben Rechte und derselben Einschränkung zu gebrauchen ist, mit welchem die Kirchenmusik auch wol gottesdienstliche M. genannt wird. Der Kern des dramatischen, soweit dieses im Bereich der Bühne zur Geltung kommt, liegt in der Poesie; das Musikalisch=Dramatische aber, die volle Darstellung (nicht blos die Begleitung) von Handlungen und Vorgängen durch Aufbietung aller Mittel der Tonkunst, geht weit über die auf der Bühne in Scene gesetzte M. hinaus. Wäre solches nicht der Fall, so würden diejenigen allerdings recht haben, welche die dramatisch=theatralische M. als den Kulminationspunkt der Tonkunst überhaupt ansehen, da in ihr Vocal= und Instrumentalmusik zu großen Aufgaben, in großen umfassenden Werken innig verschmolzen sind. Den Mittelpunkt dieser Gattung bildet die Oper, die ernste (jetzt gewöhnlich die große genannt) und die komische (Opera seria und Opera buffa). Singspiel, Lustspiel oder Balladenoper, Melodrama, Couplet, Ballet sind Nebenarten, bei denen die M. eine weniger hervorragende Stellung einnimmt. ...“

Bewahren


Wie auch immer man zu alten Quellen steht: Aufschlussreich an dieser 133 Jahre alten Definition ist der Vergleich mit dem Konzept und der Ausschreibung zum Linzer Musiktheater.


Differenzen sind nicht wirklich zu finden, also betrachten wir die Parallelen:
Genaues Unterscheiden und spezifisches Verorten kann im Zusammenhang mit klaren Konzepten sinnvolle und übersichtliche Strukturen erzeugen. So klar solche Überlegungen sein können, so starr sind sie. Dabei widersprechen sie den Prinzipien von bewegten Orten und wandernden Identitäten. Beides Grundlagen für dynamische Vernetzung, eine mindest Voraussetzung für einen zeitgenössischen Ansatz.


Die dienende Rolle der Musik ist im obigen Text klar definiert. Siehe weiters bestehendes Konzept, Definition Musiktheater, Stichwort ‚Orchestergraben‘ . Er wird als unumgänglich zwischen dem Bühnen- Geschehen und der Publikums- Betrachtung bezeichnet. Ja als signifikant für die Räumlichkeit eines Musiktheaters angesehen. Es schmerzt hinweisen zu müssen, dass im zeitgenössischen Verständnis, Musik keinesfalls eine dienende, sondern eine gleichberechtigte Rolle einnehmen sollte.
Die Raum gewordene Trennung von Geschehen- Kontemplation wird damit zum Träger des Konzeptes wie der Gattung gemacht. Die resultierenden Bühnen- und Raumkonzepte der Wettbewerbs-Ausschreibung sprechen die Sprache des 19. Jahrhunderts und seiner Vorläufer. Das bestehende Konzept will solche Vorstellungen ins 21. Jahrhundert retten. Dies zwingt zu Kunstformen der Darstellung wie sie traditionell adäquat und gleichzeitig modern und zeitgenössisch unbrauchbar sind. Denn bei der Vielfalt moderner dramatisch-musikalischer Werke ist nur eines sicher: die Methode ist ‚sichtbar machen‘ nicht mehr ‚darstellen‘.


Das bedeutet nicht, Traditionspflege zu unterbinden. Sondern es gilt, Entwicklungspotential (Virtualität) für zeitgenössische und daraus entstehende Entwicklungen zu öffnen.

Herausforderung


Das gesuchte Musiktheater für das 21. Jahrhundert scheint zu bedeuten: Mit dem Entwurfsansatz der experimentellen 70iger Jahren soll die revolutionäre Renaissance-Oper-Idee verwirklicht werden.
Gut, gut, gut Standortevaluierung in Österreich und in der Stadt Linz, Verkehrsproblematik im Stadtkern und die geplante Westbrücke, Anbindung oder Verbindung von Stadt und Fluss. Zumindest das ist vom Konzept her, und deshalb auch in den gekürten Projekten, zu kurz gekommen. Nur ein Detail:
Die Möglichkeit, die Stadt mit dem Fluss zu verbinden. Also mehr aus der vielbeschworenen Donau zu machen – als ein Objekt der Betrachtung, oder der Verkehrsbehinderung – wurde gnadenlos verspielt. Der Steg über die Verkehrshölle kann nur als Ausrede dienen. Mit seinen 3 Treppenläufen wird er nur als Notlösung, aber nicht als Nutzlösung angenommen werden. Auch im Vergleich mit seinem bereits gebauten Gegenstück, östlich der Brücke, zeigt er seine Schwächen deutlich.

Macht = Bühne + Orchestergraben + Zuschauerraum | ?


Architektur ist als technische, wie als künstlerische, wie als soziale Disziplin nie grundsätzlich eindeutig oder eingängig. Erwartet wird von Architektur, dass sie sich an Gewohnheiten orientiert, dass sie gefällt und deshalb mehrheitsfähig sein kann. Architektur kann das und erreicht dann eindimensionale Anbiederung an die Konvention.
Die Jury- Entscheidung sollte nach Maßgabe der Einhaltung der Wettbewerbsbedingungen, der künstlerischen und städtebaulichen, sowie der funktionellen Gesichtspunkte ausfallen. Sie war geprägt von Vorstellungen wie ‚Theater im Berg‘, lineare Axialität und der Suche nach der Gestaltungskraft eines Schöpfers oder Kunst- Generalisten. So kann man es im Jury- Entscheid nachlesen: „Die von Hand verfasste Perspektive...“ verweist auf die „...räumliche Vorstellungswelt ihres Schöpfers.“ So nebenbei: der Architekt als genialer Schöpfer ist ein Auslaufmodell der Begriffs-Geschichte. Wichtiger aber, die Beurteilung räumlicher Vorstellungskraft anhand einer zweidimensionalen Projektion ist schlicht unverträglich. Dahinter steht das traditionelle Verständnis ‚natürlicher Hierarchien‘ in der organischen Einheit einer Nation unter dem Motto ‚wir können nicht alle gleich sein‘. Hier wird bewusst die Beherrschung einer Methode mit einer mentalen Bewegung gleichgesetzt. Das ist ein quantitatives, statisches Maß für einen qualitativen Prozess. Das ist aus heutiger Sicht nur noch als bürokratisch zu bezeichnen.
All das bezeugt ein Architekturverständnis, das ob seiner Konzept-Orientierung für eine bereits überwundene Konvention steht.

Zeichen = Stadt + Berg + Fluss = Bedeutung | ?


Ein innovatives Verständnis der Wettbewerbs-Ausschreibung wurde jedenfalls mit Ausscheidung belohnt. Das zeigt: es ist eben doch noch nicht müßig, auf Entwicklungen der Architektur in den vergangenen Jahrzehnten zu verweisen.
Denn seitens der Entscheidungsträger wird mit der totalen Einhaltung der Ausschreibung argumentiert: ‚I scratch your back, you scratch mine‘ steht für ‚Eine Hand wäscht die andere‘. Der angesprochene Rücken könnte der Bergrücken sein, dessen Flanke gedanklich gekratzt wird. Zur Erfüllung der Hochkunst-Theatralik hat sich die Politik die nötige Rückendeckung aus der hehren Hochkunst-Architektur holen wollen.
„Der Bühnenbereich ist gemäß dem vorgegebenen Typus ... organisiert.“ schreibt Sieger- Architekt Häuselmayer. Weiter „Das in der Ausschreibung zugrundegelegte Verkehrskonzept wurde übernommen. ...“ Der Architekt als Erfüllungsgehilfe und Raum-Konfektionär, pardon, Raum- Couturier. Die Beurteilung der Tauglichkeit der Projekte war maßgeblich von diesem Verständnis der Rolle der Architektur bestimmt.
Wie dem auch sei, Oper ist für Architekten eine sehr selten ausgeschriebene und sehr spannende Bauaufgabe. Warum haben bei einem international ausgeschriebenen Wettbewerb nur zwei nicht- deutschsprachige Büros eingereicht?

Kultur


Nun, diese „... neue Gesamtlösung ist nötig und sollte zeitgemäß sein - eher sogar der Konzeption vorauseilen.“ Dies umreißt die Grundforderung der Betreiber der Musiktheater- Idee. Angesichts der abgeleiteten Konsequenzen aus der Forderung ist jetzt nur noch nicht ganz klar wer wen, oder was, verhöhnt.
„Schwellenängste vor einem solchen Haus sind weitgehend abgebaut ...“ wird behauptet . Stimmt, wenn man das hohe Maß an Ignoranz gegenüber diesen Kunstformen mitzählt. Ein Hoch der Einsicht, die aus diesen zitierten Zeilen spricht. Denn damit wird bestätigt, dass Hochkultur als ein Minderheitenprogramm wie viele andere auch betrachtet wird.
In diesem Zusammenhang muss ein Zitat zum Unterschied zwischen Musiktheater und Schauspiel angeführt werden: „Das Schauspiel braucht den Zuschauer und drängt in seine Nähe.“ Schön, dass ihn das Musiktheater nicht braucht und deshalb aus seiner Nähe schwinden kann. Denn die männliche Metapher für das Publikum wird nicht auf allgemeine Anerkennung stoßen.
Spezialisierung der Theater-Sparten ist ein wichtiges Argument für die Grundsatzforderung. Wenn sich die Sparten des Theaters so spezialisiert haben, warum dann eine Trennung der Häuser, aber e i n e künstlerische und kaufmännische Leitung? Um Wettbewerb direkt zu vermeiden? Um sich, oder ihm, Pfründe zu sichern?
Für die Zukunft stellt man sich, laut Konzept, ein Musiktheater vor, das neben längst bekannten Eigenschaften auch bewährtes bietet. Es „vervollständigt als Spitze die beispielhafte musische Bildungspyramide Oberöösterreichs.“ Aber nicht nur das. Diese Einrichtung „versteht sich als Haus für alle Oberösterreicher und Linzer, für jung und alt. Für alle, die Kunst im eigenen Umfeld einfach und kostengünstig erleben wollen.“ Endlich eine elitäre Institution für Alle!

Epilog


Es mag sich um eine traditionelle, bewährte Vorgansweise handeln, wenn der Architektur als Kunst geschmeichelt wird. Ob es sich bei dem Phänomen Architektur nun um Kunst handelt oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls ist es nicht Kunst allein.
Spezialisten für räumliche Orientierung und Organisation nur als Raum- Konfektionäre einzusetzen ist glatte Unterforderung. Selbst bei den vorhandenen Strukturen von Wettbewerben kann mehr erreicht werden. Wesentlich mehr als die Fixierung von Provinzialität, die bestehende innovative Unternehmungen in Linz konterkariert.
Es erscheint dringend angebracht, den jetzigen Stand der Dinge als gewissenhafte Studie einer Variante zu betrachten und weiter zu gehen. Das virulente Potential an Linzer Kulturschaffen ist noch nicht berührt worden. Hochkultur ist längst eine Kultur unter vielen anderen, gleichberechtigten Kulturen. Es gilt, zu verbinden und Kulturen zusammenzuführen. Ihr Reichtum rührt zu einem Gutteil da her. Linz hat das sehr früh erkannt und schöpft gerade aus diesem Umstand internationalen Rang. Oder ist die Stadt da bloß hinein gestolpert? Völlig egal – denn hier gilt es nun, guten Ruf zu verspielen oder auszubauen. Qualität erreichen und sichern, um quantifizierbar ökonomisch zu argumentieren. Aber dies kann nicht bedeuten das gleiche, wie ca. 150 km nach Ost oder West gefahren, zu machen.
Die angesprochenen Spezialisten sind entsprechend ihren Fähigkeiten einzusetzen. Solche Leute sind imstande Inhalte zu liefern, die aus der Sicht der Verantwortungsträger wie der Betroffenen nicht wahrgenommen werden können. Man muß ihnen die Möglichkeit geben. Entweder durch eine entsprechende Ausschreibung oder eine mutige Jury.
Ein traditioneller Weg wurde gegangen und ein traditionelles Ziel erreicht. Der politische Prozess hat Rahmenbedingungen erzeugt, die seinen ureigensten Intentionen widersprechen. Deshalb weiter mit der Entwicklung eines Konzeptes für ‚Medien und dramatische Künste‘. Teams aus Theatermachern, Architekten, Medienspezialisten und Kulturfachleuten sollten in einer Ausschreibung aufgerufen werden.
Zu klären ist: Call 4:
Die Verortung; über die Standortfrage hinaus, hin zur dynamischen Vernetzung in der Mikro- und Makro-Region.
Die Morphologie; die Gestalt einer Struktur von ‚Medien und dramatische Künsten‘. Oder gilt nur


Bedeutung = Bühne + Orchestergraben + Zuschauerraum = Zeichen = Stadt + Berg + Fluss = Macht | ?


Oliver Schürer, freier Autor in dem Bereich von Theorie und Praxis der Medien- und Architekturkonvergenz, lebt und arbeitet in Graz, Wien und Linz.