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Die Sonne scheint auf alle gleich
 

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Das Österreich als ewige Opfer- und (Kultur-)Nation

programm

stadtwerkstatt, prairie und ÖH-Kult.Ref. der Kepler Uni präsentieren 3 tage und nächte antinationalen protest


Die Sonne scheint auf alle gleich...
...warum nicht auch auf Österreich?

Devot und dringend fordernd zugleich pochen Hans Moser und die Elite österreichischer Staatsschauspieler mit hinterfotzig-charmantem Gesang im Film "1. April 2000" auf Befreiung von der Besatzung seiner Befreier und präsentieren sich somit als fleissige und tüchtige Bauarbeiter an der Baustelle. "Die Konstruktion einer Identität Österreichs als erstes Opfer des Nationalsozialismus". Josef Meinrad als Ministerpräsident und Vorsitzender der Freiheitspartei (sic!) lässt die vermeintlichen österreichischen Errungenschaften, seine Geschichte und Kultur vorführen. Österreich als Opfer- und Kulturnation - messaggio primo dieses perfiden Machwerks der Propaganda, 1952 im Auftrag der Bundesregierung entstanden, um der Forderung, dass das Österreich als eigenständige Nation seine Freiheit erlange, Nachdruck zu verleihen.


Seltsame Parallelen in der Tat, die dieser trashige Science-Fiction "1. April 2000 " mit der Situation zum tatsächlichen Datum 1. April 2000 aufweist. Heute wie damals gilt es dem Ausland zu beweisen, dass Österreich seine jüngste Geschichte insofern »bewältigt« hat, als dass es sich deutlich gegen einen rassistischen und fremdenfeindlichen Nationalbegriff wendet. Konnte Österreich damals unter Berufung auf seinen »Opferstatus« und seine Nichttäterrolle wieder Selbstständigkeit erringen, so will man heute "ebensowenig im Raum stehen lassen, Österreich habe sich immer aus der Geschichte davon gestohlen." (Wolfgang Schüssel zum 55. Jahrestag der Wiedererrichtung der Republik, 28.4.2000). Man beteuert, dass in Österreich eine Bundesregierung arbeite, die "für Respekt, Toleranz und Verständnis für alle Menschen ... ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Weltanschauung" eintrete, und für ein Österreich, "in dem Fremdenfeindlichkeit, Antisemistimus und Rassismus keinen Platz finden" (Deklaration Verantwortung für Österreich - Zukunft im Herzen Europas, Dr. Schüssel e h, Dr. Jörg Haider e. h., Wien, 6. Februar 2000). Dies unter Herabspielen des Fakts, dass der regierende Juniorpartner, ein Bündnis von Ewiggestrigen, dynamischen Jungfeschisten und mitlaufenden Herren und Frauen Karls gegen Emanzipation und Freiheit, mit extrem rassistischen Handlungen in Wort und Tat nicht nur Stimmen gewinnen, sondern sogar Regierungsbeteiligung erlangen konnte. Dass dieser Rassismus salon- und regierungskompatibel werden kann, dokumentiert die Dummheit, die Ignoranz und das Nebbochantentum der Österreicher, die Nichtaufarbeitung ihrer Geschichte - wie damals so auch heute.


Eine Parallelmontage zwischen dem Film "1. April 2000", März 1938 und Februar 2000. Die Parade: »Trachten! Kostüme! Unsere ganze Vergangenheit marschiert!« Um den Anklagepunkt »Bruch des Weltfriedens« zu entgehen, wird eine große Parade in einer nächtlichen Propagandaaktion mobilisiert. Aus allen Teilen des Landes marschiert die große Demonstration, 200.000 Komparsen in regionalspezifischen Trachten, vom Tiroler Heimatrebell bis zur Goldhaube, im Sternmarsch zum Stillstand der Massen auf dem Heldenplatz. Die Repräsentanten von Volkskultur als Festkultur besingen das »leidgeprüfte Österreich« und spielen den Refrain des in der Nacht davor komponierten Liedes:


Die Sonne scheint auf alle gleich, / warum nicht auch auf Österreich?/ Warum sollen wir im Schatten steh´n,/ Wir wollen das Licht der Freiheit seh´n./ Die Sonne scheint den kleinen Mann/ genauso wie den großen an./ Ein Stück vom Herz der Welt ist Österreich,/ drum macht uns frei und macht uns gleich!


Die Kameraperspektiven, Schwenks über die Massen vor den historischen Fassaden, die Montage der Einstellungen reproduzieren ganz ungebrochen jene Verfahren des Propagandafilms, mit denen u.a. bereits der sogenannte »Anschluss« 1938 auf dem Heldenplatz in Szene gesetzt worden war. Parallel dazu heute: Unter Umkehrung der Vorzeichen wird im Sternmarsch zum Heldenplatz marschiert, wo mit Trillerpfeifen und individuellem Protest jener Vergangenheit abgeschworen werden soll, über die man sich bis dato so typisch österreichisch hinweggeschummelt hat.


Wir sagen: "Sonne schein auf alle gleich, immer und überall!." Jedoch "Sonne halt!" einer Regierung, die eine neoliberale thateristische Lawine ins rollen bringt, um den Weg zu einer radikalen und pluralen Demokratie mit allen Mitteln und auf lange Zeit zu versperren. Halt! Einer Regierung, die einmal mehr die Lasten von reich auf arm abwälzt, freie Meinungsäusserung, kulturelle und mediale Vielfalt blockiert. Einer Regierung, die den Staat als Standort für global players bereit und nötige Infarstruktur einer enthemmten freien Marktwirtschaft zur Verfügung stellt.


S O S


Und lassen Sie sie Österreich als den Gotteswinkel auf Erden erkennen, wo sie Selbstbesinnung und Gesundung erlangen können. Denn Österreich hat nicht nur Schönheiten, Leistungen und Geist: Österreich hat seine eigene Seele! Österreich hat eine Berufung! Der Genius Österreichs, der Geist seiner Berge, der sagenhafte Berggeist soll die Hauptrolle geben.
Ein Atemhauch gegen eine Lawine.-Mein Land ist in Not in ärgster Not Gipfelglühn. Hier, dem Licht am nächsten und allen Niederungen des Übels unzugänglich, ist eine Zufluchtstätte müden und gehetzten Seelen gegeben, hier kann der Genius des Geistes Funken entzünden."
"Hast du nun erschaut, was den Menschen als Geschenk von selber in den Schoss fiel. Nun will ich dir zeigen, was unzählige Männer für dieses Land geschaffen haben." (Auszüge aus Texteinsendung zum Preisausschreiben "großer ästerreichischer Propagandafilm" Dez. 1948) (Edition Film und Text 2)


Der Film »1 April 2000«

stellt im "heiteren Gewand" die brennende Frage nach der "Befreiung der Befreier". Die Bundesregierung sah sich 1952 veranlasst, die Bevölkerung, die über die Stagnation der Staatsvertragsverhandlungen beunruhigt war, zuversichtlich zu stimmen. Mit der Regie für den 1. April 2000 wurde der damals in Hamburg lebende Wolfgang Liebenstein, sieben Jahre zuvor noch Goebbels Lieblingsregiesseur, beauftragt. Liebensteiners Vergangenheit als "Spielleiter" von NS-Propagandafilmen wurde der österreichischen Bundesregierung nicht zum Problem.* (Ines Steiner, Edition Film und Text 2)
Haupt und Staatsaktion: der Amtsantritt eines neuen österreichischen Ministerpräsidenten (Josef Meinrad) am 1. April des Jahres 2000. Bloß Zuckerguss oder eben als Scherz, der die zeitgenössische Lage entschärfen sollte. Das Science-Fiction-Konzept des Films lässt Globalunion und Weltschutzkommission mit Stratosphärengondel in Schönnbrunn landen. Standort des Tribunals gegen Österreich: "Im Parlament oder in der Oper" so der Ministerpräsident. Als erster Milderungsgrund der Anklage gegen Österreich wird die "internationale Bedeutung der österreichischen Musik" ins Treffen geführt, zynischerweise vom US-amerikanischen Kommissionsmitglied (ein schwarz bepinselter oesterreichischer Schauspieler, ein austriacischer Minstrel, Anm. k.h.). Dieser ist auch der erste, der sich zu den Schrammeln beim Heurigen dazusetzen wird.


»Im Rekurs auf Verfahren des Science Fiction wird eine Okkupation durch Außerösterreichische vorgeführt, die Schuldanklage wird scheinbar durch die vom Himmel gefallene Legislative der globalen Schutzmacht erhoben. Der Film teilt sich danach in den Prozess und die Paraden, daß heißt, wenn man so will, in lebendige Geschichte und geschichtsgesättigte Gegenwart.«... »Die tausendjährige Geschichte Österreichs, und eben nicht der ausgeträumte Traum vom tausendjährigen Reich, wird Gegenstand der Verhandlung. Um die 1953 aktuelle Schuld nicht benennen zu müssen, konstruiert man eine qua Zukünftigkeit längst ‘verjährte Schuld‘. Die Ursache für die Präsenz der Besatzer kann so frech verschwiegen werden; kein Österreicher scheint im Jahr 2000 mehr zu wissen, warum und wozu die "Vier im Jeep" überhaupt in Wien herumfahren.« (Ines Steiner, Edition Film und Text 2)


Im Prozess lässt man die österreichische Geschichte revuepassieren: der mit Feindesblut beschmierte Waffenrock Leopolds des Babenbergers verleiht der österreichischen Fahne die Farbe, die Patentlösung für friedliche Ausdehnung des Reiches: "Du glückliches Österrreich heirate!", die Rettung Europas vor den Türken, Maria Theresia lauscht dem kleinen Mozart am Cembalo. Nun ist auch die Weltschutzkommisionspräsidentin ganz ergriffen und eines bessern belehrt: "Wir sind uns doch einig, Österreich wird von der Anklage, rü
ckfallig zu sein, freigesprochen."


Ewige Werte österreichischer Natur und Kultur, die pitoreske Landschaft, die musikalische Tradition und die Volkskultur, argumentative Werte, Werte die einem Landstrich nationalen Charakter geben. Die Geburt der österreichischen Nation als Kulturnation.

Kultur und Kunst haben in Österreich einen überdurchschnittlich hohen Stellenwert. Diesen Stellenwert gilt es zu erhalten, auszubauen und für die Zukunft zu sichern. Die Freiheit der Kunst ist das tragende Prinzip der Kunstförderung und Kulturpolitik. Der Staat hat dabei seine Tätigkeit auf die Schaffung von stimulierenden Rahmenbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler zu konzentrieren. Zu diesem Zweck werden die nachstehenden Maßnahmen in Aussicht genommen. So das blauschwarze Regierungsprogramm. In Folge keine einzige Silbe über einen erweiterten Kunst- und Kulturbegriffund kein Wort über neue Medien. Lediglich im Punkt 8 ist zu lesen: Die Digitalisierung des Kulturgutes ist notwendig, um das kulturelle Erbe (!) Österreichs einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Die Praxis bedeutet Budgetkürzungen in allen Bereichen freier Kunst- und Kulturförderung. Ob freie Radios, Netzprojekte, freie Szeneeinrichtungen, Filmförderung und dergleichen mehr - alle werden im Unklaren gehalten, wann, wie und wie hoch die Förderungen sein werden. Planung und Fortführung dieser Einrichtungen torkeln ob der unsicheren Lage gefährlich am Rande fahrlässiger Krida. Die Regierung nimmt den Staat als Kunstförderer aus der Verantwortung, möge die Wirtschaft dafür einspringen.


g. huber/kurt holzinger