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andreas kump ueber seine erfahrungen mit der oesterreichischen "normalitaet" und amerikanischen spielfilmen.


langsam komme ich dem eigentlichen auf die schliche. es ist gar nichts passiert! dieses land ist so wie immer. im posthof bedachte vor zwei monaten ein dutzend anrufer die sekretärinnen mit antisemitischen spruechen, als via radio faelschlicherweise die politisch motivierte absage einer israelischen tanzgruppe bekannt gegeben wurde. meinem freund n. wurde kurze zeit später am fussballplatz bescheinigt, er habe eine „judennase“ und ueberhaupt sind alle in diesem wunderbaren, weltoffenen und gastfreundlichen land so wunderbar, weltoffen und gastfreundlich wie zuvor. oesterreich muss also gar nicht erst zur „normalitaet“ zurueckfinden, wie wolfgang schuessel das seit wochen im widerspruch dazu fordert, denn es ist ja weiterhin alles normal in unserer republik.


diesem „normal“ scheint eine wachsende bedeutung zuzukommen. staendig hebt es vielerorts das haupt. betritt man dieser tage schlicht und einfach eine trafik, um etwa die „judenzeitung“ (alles schon gehört) DER STANDARD zu kaufen, ist es möglich in den hinterhalt eines EU-kritischen aktionskomitees zu geraten. das ausland sei, so der tenor der dort zufaellig anwesenden, eben „nicht normal“, vielmehr, so abschliessend die trafikantin selbst, soll es „sich schleichen, das ausland.“
in oesterreich ist seit jeher vieles „nicht normal“. die breite des spektrums des „nicht normalen“ ist erstaunlich. der umgang mit dem „nicht normalen“ war dabei mehr als einmal in der geschichte des landes fuer die „nicht normalen“ mitunter lebensgefaehrlich.
hier erleben wir gerade ein revival des munteren sortierens und klassifizierens. denn immer detailverliebter naehert sich der „echte oesterreicher“, der zum beispiel kunst und kultur von jelinek und turrini unterscheiden kann, um nur zwei plakate der FPOE verbindend zu zitieren, der beurteilung von mitmenschen und umgebung. daemmert eine neue ausdiffernzierungswut, an deren ende die belohnende aufnahme in den entschlackten, gesunden, also unteilbar gewordenen volkskoerper wartet? (sinnigerweise findet sich wochen nach fertigstellung meines artikels in einer kolumne von armin thurnher ebenfalls eine bezugnahme auf den „schlanken volkskoerper“, wenngleich es dabei um den „siegeszug des fitnessmethapers“ in oesterreich geht.)
volk. der „volkszorn“. das „gesunde volksempfinden“. das ressentiment will nicht nur durch zustimmung aufwertung erfahren, sondern auch noch gesund, also „normal“ sein. aber eine meinung, tritt sie auch noch so kunstvoll in der verkleidung des sogenannten „volkszorns“ bzw. des „gesunden volksempfindens“ auf, bleibt immer nur meinung. warum einzelne medien und politiker ihre standpunkte gerne und zunehmend in voelkische dimensionen fassen ist sicherlich interessant, laesst aber einen rueckschluss auf zustimmung oder ablehnung bei themen durch die bevoelkerung nicht zu. die feststellung des „volkszorns“ ist subjektiv. wer stellt fest, ob der aerger einzelner personen nun den sogenannten „volkszorn“ ergibt? wie aeussert sich dieser „volkszorn“ dann? versteht peter westenthaler die telefonanlage der freiheitlichen partei als richterskala des „volkszorns“? immerhin fasste er die meinung einzelner anrufer, die sich ueber die berichterstattung des ORF bei der FPOE (?) beschwert haetten, zum „volkszorn“ zusammen, der laut seiner aussage noch nie so gross gewesen waere.
somit waere es umgekehrt bestimmt auch zulaessig zu behaupten, der „volkszorn“ ueber die neue regierung sei noch nie so gross gewesen, weil bei eine umfrage unter besuchern eines konzertes in der kapu eine 99%ige ablehnung des kabinetts des herrn schuessels herauskam.
nun wuerde man meinen, ein „volkszorn“ in den letzten hundert jahren, noch dazu ein „spontaner“, waere vielleicht genug gewesen, um sich nie wieder solchen anwandlungen hinzugeben, aber oesterreich waere „nicht normal“, also nicht das „normale“ oesterreich, wenn oesterreichische geschichte mit lehre und konsequenz in verbindung zu bringen waere.


in vielen belangen bin ich der neuen regierung auch dankbar. denn um zu bemerken, dass man schlaeft, muss man manchmal erst aufwachen. insofern hat mich die neue regierung inmitten der seligen, oesterreichischen „normalitaet“ aufwachen lassen, in die ich schlicht und einfach hinein geboren wurde. das ignorieren des dumpfen wird einem in oesterreich naemlich anerzogen. bis man selbstaendig zu denken beginnt, hat man den satz vom „kleinen hitler“, der „wieder hergehoert“, um endlich fuer „eine ruhe“ zu sorgen, schon so oft von allen moeglichen menschen gehoert, dass man ihn routiniert und geflissentlich ueberhoeren kann.
„ich sage immer: wer ausschwitz und dachau sagt, muss auch dresden und hiroshima sagen“, pflegte mein professor fuer geschichte nachmittags durch das klassenzimmer einer linzer HTL zu schmettern. damals, in den spaeten achtzigern. widersprochen hat ihm keiner. das mag auch an dem erregungszustand des lehrers gelegen sein, der uns mit solchen auftritten demonstrativ die schneid` abzukaufen verstand. (der name jenes professors findet sich uebrigens im handbuch des oesterreichischen rechtsextremismus!) sie sehen, oesterreich war eben schon immer „normal“ und wolfgang schuessel hat einfach nicht recht, wenn er zu einer „normalitaet“ zurueckfinden will, die das land nie verloren hat.
dabei erinnert er mich mehr und mehr an den buergermeister von pleasantville. ich weiss nicht, ob ihnen der amerikanische spielfilm gleichen namens etwas sagt? im film pleasantville verschlaegt es zwei amerikanische teenager der jetztzeit mittels der fernbedienung ihres fernsehapparats in eine TV-seifenoper ueber eine kleinstadt in den fruehen fuenfziger jahren, genauergesagt in die virtuelle gemeinde pleasantville. ploetzlich sind die beiden nur noch schwarz-weiß und tief im herzen der puritanischen, amerikanischen seele, wo die luft und toechter sauber sind, die scheitel gezogen und das essen am tisch zu stehen hat, wenn der brave familienvater von der arbeit nach hause kommt. na, faellt bei ihnen der groschen? kommen ihnen die selben gedanken wie mir? genau. aber die parallelitaeten zu oesterreich sind leider nicht zu uebersehen. troesten sie sich, denn die beiden teenager mischen die ordnung des staedtchens gruendlich auf, und bringen sogar farbe nach pleasantville. was natuerlich nicht allen recht ist. das reaktionaere element findet sich ausgerechnet in der handelskammer (!) und der person des buergermeisters. letzterer will lange zeit den schwarz-weissen urzustand muehevoll wieder herstellen, scheitert jedoch an den gegebenheiten der neuen, modernen zeit. glueck auf.
es besteht also noch hoffnung. selbst im oesterreichischen pleasantville, wo unliebsames beharrlichst verdraengt, oder einfach nicht zur kenntnis genommen wird. denn nicht einmal das neue dampfbuegeleisen der normalitaet, der „nationale schulterschluss“, will noch ueber die disharmonischen falten der oesterreichischen schmutzwaesche knattern! und das, obwohl heuzutage selbst die gruenen bereits die besseren patrioten sein wollen, waehrend sich die SPOE ihr zu haider abgewandertes klientel immer noch als „protestwaehler“ schoen zu reden versucht. wow! damit sind die SPOE und die gruenen also schon aus falschen gruenden gegen den von OEVP und FPOE gewuenschten „nationalen schulterschluss“. wenn die SPOE auch jetzt noch aus falschen gruenden beginnen wuerde, sich mit ihrer rolle waehrend der kurzen phase der entnazifizierung zu befassen (siehe exemplarisch den fall des dr. heinrich gross), dann spraechen gewissermassen schon zwei richtige argumente fuer eine partei, die trotzdem nicht minder pleasantville als die FPOE bleibt. (interessanter weise veroeffentlichte die spoe ebenfalls nach fertigstellung dieses artikels doch tatsaechlich eine erklaerung des damals noch designierten spoe-chefs alfred gusenbauer. diese traegt den titel „klarheit in der vergangenheit – basis fuer die zukunft“. zum angesprochenen fall gross heißt es darin woertlich: „...haette fuer einen menschen, wie dr. gross nie platz in der spoe, und nie platz in einer medizinischen anstalt der zweiten republik sein duerfen“. man darf also zumindest wieder skeptisch sein. anm. des verfassers)


das ist das neue pech der parteien. der private luxus des aufwachens macht sich mehr und mehr bemerkbar. vielen ist kein parteipolitisches hemd zu nahe, und deshalb muss sich keiner auch nur einen einzigen rassisten schoen reden. getrost kann ich weiter 27 komma irgendwas prozent der oesterreichischen wahlberechtigten als rassisten einstufen. egal welche partei sie bisher gewahelt haben, egal welche partei sie in zukunft waehlen werden. das ist auch nicht bequem, wie oft behauptet wird, das ist schlichtweg einfach richtig. gewissermassen „normal“. zumindest im oesterreichischen pleasantville. bequem erscheinen mir nur die bagatellisierungen, das staendige herrunterspielen von fremdenfeindlichkeit und antisemitismus. denn was soll bitte am widerstand gegen fremdenfeindlichkeit in oesterreich bequem sein? ich kann mir kaum etwas unbequemeres vorstellen und ich spreche aus erfahrung.
also zurueck zur hoffnung. hoffen wir auf die stetig mehr werdenden farbtupfer im grau von pleasantville. ob allerdings wie in der filmvorlage auch der oesterreichische buergermeister letztendlich „farbe bekennen“ wird, wage ich stark zu bezweifeln. und da glaube ich nicht, dass ich luege.