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Existenz für alle .................
 
   




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  (ÖKO-)Sozialismus statt Grundeinkommen!

 

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boris lechthaler

Vorweg: Im folgenden Beitrag werden nicht einzelne Modelle von Grundeinkommen, Bürgergeld, Existenzgeld oder Basiseinkommen abgehandelt. Analysiert werden nicht Definitionen und die dahinterstehenden, mitunter konträren, politischen und ideologischen Absichten. Gegenübergestellt werden Überlegungen, die nach wie vor vom Kampf um ein einheitliches Sozial- und Arbeitsrecht als wesentliches Element im Kampf um die Überwindung der kapitalistischen Warenökonomie ausgehen, mit Überlegungen, die ebendies als überholt betrachten und in der Trennung von Arbeitsmarkt und Sozialrecht die Perspektive erkennen. Freilich, die Vorstellung ist verlockend. JedeR bekommt genug Geld, um den Grundbedarf an Nahrung und Kleidung zu decken. Für die angemessene Wohnungsgröße liegt ebenfalls bereits eine amtliche Kennziffer vor. Die Menschen sind damit vom Zwang, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, befreit. Diejenigen, die nachher immer noch dem Industrialismus frönen, machen dies aus reiner Gier nach Mehr: ferneren Urlaubszielen, größeren Autos, schickeren Wohnungen und exquisiteren Kleidern. Sie werden allenfalls milde belächelt von jenen, die die so gewonnene Freiheit der Muße widmen. Überall im Lande entstehen Diskussionszirkel, Malwerkstätten und Autorenkollektive. Eltern haben wieder Zeit für ihre Kinder und statt junk-food gibts am Mittagstisch Wunderwerke kulinarischer Kreativität. Freilich, eine Vorstellung ist noch verlockender: Diese neue Bürgergeld- oder Grundeinkommensgesellschaft wird nicht über heftige Verteilungskämpfe durchgesetzt. Die Forderung nach Grundeinkommen widerspiegelt auch die Hoffnung, eine Neuverteilung des gesellschaftlichen Reichtums ganz ohne martialischen Klassenkampfgehabe durchzusetzen. Die Eigentumsverhältnisse bleiben weitgehend unangetastet. Erreicht wird das Grundeinkommen durch Einsicht auf allen Seiten. Die ArbeiterInnen und Angestellten erkennen, daß Gelderwerbsarbeit nicht alles ist, und besinnen sich auf andere Lebensziele. Die KapitalistInnen erkennen, daß ihr Geld viel besser arbeitet, wenn es von sozialen Konflikten weitgehend ungestört bleibt. Die TrägerInnen der staatlichen Macht erkennen, daß sie Vollbeschäftigung sowieso nicht mehr durchsetzen können. Also einigen sie sich auf einen neuen sozialen Kompromiß. Gespeist aus der durch Produktivitätszuwächse enormen Ausmaßes erzielten Wertschöpfung des marktwirtschaftlichen Sektors wird allen BürgerInnen eine soziale Mindestsicherung zuteil. Im Folgenden wird auf drei Ebenen gegen das Grundeinkommen argumentiert: ökonomisch, sozialpolitisch und sozialpsychologisch. Argumente gegen das Grundeinkommen, nicht gegen die soziale Utopie, die damit verknüpft wird. Existenzsicherheit und Teilhaberechte für alle in der Gesellschaft müssen und können erreicht werden. Nach Überzeugung des Autors dieser Zeilen jedoch nicht über das Grundeinkommen, sondern über Verteilungskämpfe klassischer und neuer Art, die mit der Perspektive der Überwindung der kapitalistischen Warenökonmomie verbunden werden müssen. Grundeinkommen und

Verwertungskrise

Die Einführung des Grundeinkommens mache alle anderen arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen weitgehend überflüssig. Gesichert durch das soziale Netz des Grundeinkommens kann auf Regulierung der Marktökonomie weitgehend verzichtet werden. Dabei wird eines übersehen: Regulierung folgt nicht ausschließlich sozialpolitischen Motiven. Regulierung dient auch der Stabilisierung einer Ökonomie, deren Fortbewegung von Krisen gekennzeichnet ist. Produziert wird in einer kapitalistischen Ökonomie in der Erwartung profitabler Verwertung. Arbeits- und sozialrechtliche Regelungen stabilisieren diese Erwartungen. Bei Einführung eines Grundeinkommens droht eine Spaltung der Ökonomie in einen hochproduktiven und einen niedrigproduktiven Sektor. Viele Menschen werden bei Existenz eines Grundeinkommens als quasi Tagelöhner für gelegentliche, schlecht entlohnte Tätigkeiten zur Verfügung stehen. Es besteht damit zumindest die Gefahr, daß die gesamtwirtschaftliche Nachfragekomponente weitergehend als bisher gesamtgesellschaftlicher Stabilisierung und Steuerung entzogen wird. Grundeinkommen und Segmentierung Das Grundeinkommen vertieft nicht nur Diskrepanzen ökonomischer Sektoren, sondern segmentiert auch die Gesellschaft insgesamt. Grundeinkommen bringt jene, die vorwiegend von diesem Grundeinkommen leben, zwingend in Widerspruch zu jenen, die ihre Arbeitskraft - aus welchen Motiven immer - dem hochproduktiven Sektor anbieten. Da werden keine guten Vorsätze, keine Appelle und keine Gebete helfen: die Ebene der Primärverteilung - zwischen Arbeit und Kapital - wird kontinuierlich von einer anderen Verteilungsfrage überlagert werden: Wie hoch darf der Anteil sein, der zum niedrig- oder nichtproduktiven Sektor umverteilt wird? Den Forderungen der Unproduktiven wird sich eine unappetitliche, nichts desto trotz aber reale Allianz von ArbeiterInnen und KapitalistInnen im hochproduktiven Sektor entgegenstellen. Die Unternehmer werden sich bei ihren Arbeitskräften über die übermäßigen Forderungen der Gesellschaft beschweren und diese Arbeitskräfte werden sich fragen, warum sie unter enorm erhöhtem Arbeitsdruck die ganze Last für das soziale Netz tragen müssen. Die Linie der Auseinandersetzung in der Verteilungsfrage wird nicht in Richtung Finanzkapital verschoben, sondern in Richtung der sozial Marginalisierten. An dieser Stelle ist es nicht unerheblich darauf hinzuweisen, daß insbesondere von seiten der politischen Rechten die Forderung nach Grundeinkommen und Bürgergeld mit Forderungen zur Verpflichtung für bestimmte "gesellschaftlich nützliche" Arbeiten verbunden wird. Erst jüngst hat ÖVP-Klubobmann Andreas Khol diese Vorstellung erneuert. Während die einen glauben mit der Einführung des Grundeinkommens dem Arbeitszwang gerade entronnen zu sein, sehen die anderen dafür erst die besten Voraussetzungen gegeben. In deren Ideologie ist dies nur logisch: Grundeinkommen wird nicht aufgrund eines erworbenen Rechtsanspruchs ausbezahlt, sondern gewährt. Da ist es nur logisch, daß für diese Großzügigkeit auch eine kleine Gegenleistung verlangt wird. Ein Einwand ist an dieser Stelle freilich berechtigt. Auch jetzt findet die Verteilungsauseinandersetzung nicht nur bei Kollektivvertragsverhandlungen statt. Aktuell werden die Ebenen der Sekundärverteilung (Steuern, Sozialabgaben, Sozialleistungen) in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung tatsächlich immer dominanter. Die Verbissenheit und Konsequenz mit der von Unternehmerseite die Lohnnebenkostedebatte geführt wird, sollte uns jedoch eher in unserer Haltung bestärken. Sie beweisen eine Erfahrung: erworbene Rechtsanprüche sind viel stabiler, sie sind viel schwieriger einzuschränken oder zu kippen als gewährte Leistungen. Freilich dürfen wir nicht übersehen, daß in den letzten Jahren bereits dramatische Verschlechterungen in diesem Bereich durchgedrückt wurden, insbesondere im Bereich der Arbeitslosenversicherung. Grundeinkommen und Selbstbewußtsein Wie wir diese Verschlechterungen rückgängig machen können, wie wir eine Politik in die gegenteilige Richtung, d. h. in Richtung sozialpolitischem Lückenschluß entwickeln können, führt uns zu einer sozialpsychologischen Frage: Wie kann sich eine gesellschaftspolitische Kraft herausbilden, die in der Lage ist, Verteilungsfragen offensiv auf die Tagesordnung zu setzen. Alle Erfahrungen zeigen eines: AlmosenempfängerInnen neigen keineswegs dazu, Verteilungsfragen selbstbewußt vorzutragen. Meistens leise, sehr selten laut, bitten sie um eine Möglichkeit überleben zu dürfen. Viele Grundeinkommensbefürworter argumentieren, daß gesellschaftliche Anerkennung im Kapitalismus nur über Arbeitsleistung erzielt wird. Dies ist meines Erachtens in dieser Einfachheit äußerst fragwürdig. Gesellschaftliche Anerkennung gründet sich im Kapitalismus wesentlich auf Marktmacht, sprich auf die Potenz mit der einzelne oder Gruppen Märkte bestimmen können. Menschen, die grundsätzlich durch Entwertung ­ z. B. durch Arbeitslosigkeit - bedroht sind, werden spontan kaum Selbsbewußtheit hervorbringen. Umso wichtiger werden für diese Menschen unmittelbar Surrogate der Marktmacht oder, anders ausgedrückt, der Schein marktmächtig zu sein. Vom wöchentlichen Lottofieber, über die Scheininbesitznahme der Welt durch die TV- Unterhaltung bis zu den schön eingebildeteten Zusatznutzen, den viele Konsumartikel vom Auto bis zur neuen modischen Kleidung hervorbringen, reicht die doppelbödige und trotzdem reale Botschaft: "Du bist der herrschafltiche Souverän deiner selbst!" Nicht weil die kapitalistische Gesellschaft tatsächlich gesellschaftliche Anerkennung nach der für die Gesellschaft erbrachten Arbeitsleistung bemißt, sondern weil anders die Surrogate der Anerkennung nicht zu erlangen sind, unterwerfen sich die Menschen den Bedingungen des kapitalistischen Arbeitsmarktes. In einem Interview äußerte der polnische Komponist Krystoff Penderecki, daß er am produktivsten arbeitet, wenn er an einem Auftragswerk arbeitet, daß er geradezu einen Auftrag braucht, um eine Komposition fertigzustellen. Er bringt damit etwas grundsätzlich konstitutives für die menschliche Gesellschaft zum Ausdruck. In welcher Form auch immer, die Teilhabe am gesellschaftlichen Prozeß ist für uns Menschen überlebenswichtig. Diese Teilhabe wird im Kapitalismus vorwiegend und immer weitgehender marktförmig vermittelt. Die Einführung eines Grundeinkommens durchbricht jedoch nicht diese marktförmige Vermittlung, sondern stärkt lediglich die Surrogate, oder den Schein der Teilhabe vermittels der Teilhabe am Markt als KonsumentInnen. Die Arbeit bleibt im Kapitalismus etwas subalternes. Sie bildet nicht den Antagon zur Muße, sondern zu deren Entwertung durch das kapitalistische Verwertungsdiktat. Für den grundsätzlich gesellschaftlich reaktionären Charakter der gegenwärtigen Epoche sind m. E. auch das hohe Ansehen, welches Abzockerei und bewußtlose modische Hysterien genießen, untrügliche Zeichen. Ein alternativer Weg Es ist Zeit für einen alternativen Weg. Einen Weg, der die kapitalitstische Verwertungslogik in Frage stellt. Die Segmentierung des Arbeitsmarktes und damit der Gesellschaft zu verhindern, ist dafür eine unerläßliche Voraussetzung. Sozialisierung der Produktivitätsgewinne über Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn, Einführung eines Mindestlohns, Ausweitung des öffentlichen Sektors - auch des indirekten, von der öffentlichen Hand finanzierten - zur Bewältigung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit im Bildungs-, Sozial-, Gesundheits- und Kulturbereich - sozialpolitischer Lückenschluß durch Einführung einer bedarfsorientierten Grundsicherung, etc. sind notwendige Schritte dazu. Freilich dürfen wir vor dem Altar, in dem die finanzkapitalistischen Eigentumstitel verwahrt werden nicht halt machen. Es wird notwendig sein, diese Monstranz aus der Kirche zu tragen, damit diese Forderungen gesellschaftlich mächtig werden. Sicherlich können wir die Eigentumsfrage nicht einfach erneut auf die Tagesordnung rücken, um dann dem gleichen Produktivismus zu huldigen. Arbeit und Muße für alle. Jetzt und auch für kommende Generationen. Ökosozialismus eben.

Immaterielle Arbeit Ð materielle Absicherung
rainer zendron

"Der Unsozialstaat" lautet der Aufmacher der ãZeit" vom 20. Mai anläßlich 50 Jahre Bundesrepubik Deutschland. Ins Visier geraten darin nicht Reinkarnationen der ãChicago Boys" oder die als die neuen Bösen geouteten Vertreter eines Shareholder Values, sondern: ãDer Sozialstaat ist unsozial geworden. ... Rot-Grün können sich nicht zu einem Gesamtkonzept der Beschäftigungs- und Sozialpolitik durchringen", welches greift. Fakt ist, daß die Arbeiter- bewegung, die Gewerkschaften und eine traditionell orientierte Sozialdemokratie in ganz Europa zu Beginn der 80er Jahre ihre entscheidende Niederlage erlitten haben. Oberflächlich betrachtet wurde ihnen diese von den Konzernen zugefügt. Als österreichische Scheide kann man die Zerschlagung der Verstaatlichten begreifen: Zehntausende Arbeitsplätze gingen in der Industrie verloren. Doch eigentlich ging die ãGroße Industrie" als charakteristisch dominierender Faktor selbst verloren, nur wollen wir dies nicht wahrhaben. Der Kapitalismus ist ein anderer geworden. Die Gewerkschaften, die Sozialdemokratie, die Linke ­ eigentlich auch alle anderen, welche sich im Gewand der Nicht-Privilegierten oder deren Freunde auf die Pirsch nach Wählerstimmen und Erklärungsmuster aufmachen ­ verharren in den alten Konzepten, die materielle Produktion mit ihrer ãGroßen Industrie" zu retten.

Wirtschaftswachstum und Almosen

Vor 20 Jahren konnte man sich noch einen markanten Schattenriß der Gesellschaft zeichnen: Hie die UnternehmerInnen und ihre Büttel ­ hie die ArbeiterInnen und andere (verbündete) Lohnabhängige; und dann noch das Lumpenproletariat: Arbeitslose und solche in prekären Arbeitsverhältnissen. Für diese hat man einfache Konzepte: Almosen, für die neben dem Sozialstaat kommunitaristische Zusammenhänge zuständig sind einerseits ­ andererseits das Wirtschaftswachstum, für das die große Koalition sachverständig gilt. Heute ist klar, daß mit diesem Konzept nichts mehr geht. Die Wirtschaft boomt, die Sozialdemokratie regiert, die PolitikerInnen ringen (teils nicht nur) auf den Bildschirmen die Hände. Die Zahl der prekär Beschäftigten steigt und steigt und steigt ... . Die Staatsausgaben steigen mit; nur der Grad der sozialen Sicherung sinkt. Der Kampf um Arbeitszeitverkürzung als Beschäftigungsmaßnahme greift nicht mehr. (Eine Verkürzung der Arbeitszeit als Ausgleich für Intensivierung der Arbeit bleibt notwendig.) Flexibilisierung, unterschiedlichste Formen von (Werk-)Vertragsverhältnissen, ãNeue Selbstständigkeit" und Subunternehmertum haben begonnen die Produktionsformen grundlegend umzugestalten. Computer-Netz-Gebundene Kommunikationstechnologien werden systematisch eingebunden. Sie garantieren, daß wir erst am Anfang dieser Umwälzung stehen. Früher konnte man davon ausgehen, daß zumindest die Kernschichten der Lohnabhängigen sich in einem geschlossenen Raum ­ der Fabrik ­ befinden, morgens kommen, abends gehen und gewerkschaftlich organisiert sind. Diese Form der sozialen Organisation entwickelte sich zusammen mit der industriellen Produktion. Die ArbeiterInnenbewegung war deshalb erfolgreich, weil sie ihre Organisations- und Kampfstrukturen den Produktionsstrukturen nachformten, sich gewissermaßen parasitär auf diese aufpfropfte.


Die neuen Quellen des Reichtums

....... ....bestehen nicht einfach in "geistiger Arbeit" statt "manueller Arbeit", sondern verlagern sich auf konzeptionelle Tätigkeiten und Kommunikation. Neuwert wird vor allem durch Transaktionen und Distributionsleistungen hinzugefügt. Die Hierarchie dreht sich um: Aktiva sind Fertigkeiten im Umgang mit Information und kulturellen Kenntnissen. Das Zentrum des Kapitals dockt sich an Zusammenhänge an, bei denen diese Kenntnisse vorhanden und entwickelt sind. Erreicht kann dies nicht mehr über die perfekte, funktionalistische Separation von Arbeitskraft ­ Mensch werden, sondern über eine Re-korporation der Arbeitskraft in die ãautonome Lebenswelt". Gleichzeitig führt aber die Bemessungsmöglichkeit von Arbeitszeit ins Nichts; das vergangene Verständnis von Ausdehnung des Arbeitstages läuft ins Leere. Die Ökonomie verlangt die Aufhebung der Trennung. Das kulturelle Leben der Menschen und ihre Interaktion selbst ist Ausbeutungsgegenstand und Quelle der Wertschöpfung. Aus dem ehemaligen Überbau entsteht der Kern; die Peripherie als Zentrum. Die Kämpfe der Arbeitslosen und Menschen mit präkeren Arbeitsverhältnissen in Frankreich seit 1996 haben erstmals in größerem Stil geprobt, auf diese Tendenzen Antworten zu suchen. Mit der Forderung nach einem garantierten Einkommen wurde die Notwendigkeit artikuliert, daß die Arbeit vom Einkommen getrennt werden muß. Diese Forderung ist insofern revolutionär, als sich der Kapitalismus seit seinem Entstehen um die Ideologie der Arbeit herum organisierte. In diesem Punkt waren sich ãKapitalisten" und ãSozialisten" immer einig. Die Geschichte der tradeunionistischen Arbeiterbewegung kann man vereinfacht als Geschichte um Verteilung der (gerechten) Lohnarbeit kennzeichnen. Da sich jedoch der Charakter der Arbeit grundlegend verändert, stellt sich das Problem heute anders dar. Man muß das Argument, daß es keine Arbeit mehr gäbe wieder vom Kopf auf die Füße stellen: Es gibt Arbeit genug. Alle Welt arbeitet und partizipiert an der Produktion von Reichtum. Wenn die intellektuelle und affektive Intelligenz heute Reichtum schafft ­ produktiv ist, so muß die Arbeit in Bildung und Erziehung, welche nach wie vor hauptsächlich Frauen leisten, entlohnt werden. Wenn Kreation von Mode und Life-Style Profit abwirft, müssen Punks und Streuner für ihren Beitrag entlohnt werden. Wenn kreativer Umgang mit Computer-Netzwerken gesellschaftliche Werte sichert, müssen Hacker und die Linux-Community mit Monatsgehältern ausgestattet werden. Wenn die weltweite Kommunikation der Schlüssel zum Hort des Reichtums ist, haben EmigrantInnen ihren Anspruch auf Gehalt. Wenn schließlich Kreativität und neue Sichtweisen für die Aufrechterhaltung der Produktion nötig sind, sind KünstlerInnen erste Adresse für Spitzensaläre. So eine Neuverteilung des gesellschaftlichen Reichtums ist natürlich nicht Konsens, nicht bei den Kapitalisten, nicht bei den Gewerkschaften ­ sie stellen immer wieder aufs neue die Frage nach der Aufteilung der Arbeit statt nach der Aufteilung des Reichtums. Obwohl immer weniger Menschen in juristisch klar definierten Arbeitsverhältnissen unterkommen können und wollen. Sie gehen nach wie vor davon aus, daß auch in unseren Breiten der Reichtum in den Fabrikshallen geschöpft wird. Reichtum realisiert sich heute aber eher dazwischen, ­ überall in der Gesellschaft wird zu seiner Produktion beigetragen. Die Neuverteilung des Reichtums würde somit nicht nur eine Neuregelung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe bedeuten, sondern anerkennen, daß immer mehr Menschen außerhalb der juristisch definierten Lohnverhältnisse arbeiten. Immer mehr arbeiten nicht an materieller Produktion, sondern leisten ãimmaterielle Arbeit". Das Rohmaterial der immateriellen Arbeit ist Subjektivität und das ãMilieu" in dem diese Subjektivität existiert und sich reproduziert. Die ãAssoziierten ProduzentInnen" in den Werbeagenturen und bei Medienunternehmen, die ProgrammiererInnen und alle, die im wachsenden Life-Style-Segment arbeiten ­ sorgen dafür, daß Nachfrage befriedigt wird, schaffen aber gleichzeitig erst die Nachfrage. Die kapitalistische Produktionsweise hat unser Leben durchdrungen und Differenzen niedergerissen. Die gesellschaftliche Kommunikation produziert gewissermaßen "Produktion".

Literatur: Negri / Lazzarato / Virno: Umherschweifende Produzenten (ID-Verlag, 98); Lazzarato: Zur …konomie des Immateriellen (in Beute nF 2/98), Maschinenleben. Thesen zum Begriff der Bio-Politik (in Beute 3/97), Negri / Hardt: Die Arbeit des Dionysos (ID-Verlag, 97). †brigens gibtÔs in Linz einen Vortrag von Maurizio Lazzarato beim Symposium "Edge of EuropeÒ (2. bis 4. Juli) im OK-Centrum fŸr Gegenwartskunst.


 

     

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